Rezension: Shift - Der Augenblick, in dem sich alles verändert von Wayne W. Dyer (09/10)
Shift – Die Lektüre, die sich ins Endlose dehnt…
Wenn dieses Begleitbuch zum gleichnamigen Film am 10.09.2010 veröffentlicht wird, werden es die gierige Sinnsuchenden und
immer Unzufriedenen den Buchhändlern wohl geradezu aus den Händen reißen. Natürlich mal wieder in der Hoffnung, hier
schlage ein ganz großer und praktisch anwendbarer Lebensratgeber in den kargen Boden der Lebensunsicherheiten ein,
nach dessen Lektüre sich der Sinn unseres Daseins augenblicklich glasklar entblättert. In der Tat ist die Struktur
logisch: Vier Kapitel, die aufeinander aufbauen, eine ehrlich runde Sache. Treffende Überschriften, die wichtigsten
Aussagen noch einmal sauber zusammengefasst, zahlreiche als treffend empfundene Zitate auf jeder zweiten Seite in
unattraktiven Balken kursiv zwischen den Fließtext gequetscht.
Wer allerdings glaubt, ihm werde etwas Solides und Realitätsbezogenes an die Hand gegeben, der hat sich geschnitten.
Der Inhalt zerfließt ebenso halbschattig wie die eingestreuten Schwarzweißzeichnungen, mit denen man nichts Rechtes anzufangen weiß.
Immerhin weist der Autor immer wieder an jeder passenden Stelle auf die einzige Wahrheit in dem Text hin:
Eigentlich hat er von alldem keine Ahnung, er schreibt halt einfach mal so frei von der Leber weg, was
ihm da so durch den Kopf geht, und überhaupt, selbst die großen Philosophen haben ja auf die bedeutsamen
Fragen auch keine Antworten gefunden. Abgesehen natürlich von Laotse und Jesus Christus, deren Aussagen
er immer wieder zur Untermauerung seiner esoterisch angehauchten, aber irgendwie halbseidenen Thesen heranzieht.
Dyer fußt seine gesamte Theorie auf angeblich einfachen physischen Zusammenhängen,
eine pseudowissenschaftliche Sicht, um zu erklären, woher wir eigentlich kommen.
Nämlich aus dem Nichts, wahlweise aus dem Alles, der Unendlichkeit, der ewigen Schöpfung, von Gott.
Der Abstecher in die kinesiologische Lehre hinkt, aber die Hinweise auf die Energielehre schließlich
löst ein überraschendes Déja-vu aus: Da war doch schon mal was! Richtig, René Egli, Das LOL²A-Prinzip, 1994!
Mit seinen platten Erkenntnissen (Wir sind alle untrennbarer Teil der Schöpfung, Gott ist Liebe, Wir sind göttliche Teile von Gott)
bewegt sich Dyer gefährlich nahe an den Theorien Eglis und kommt damit ungefähr zwanzig Jahre zu spät. Mit „Alles ist Liebe“ und „Lass Gott mal machen“
ist einfach kein Stich mehr zu machen. Alles schon mal gehört, denkt sich der Leser, Och nö, nicht schon wieder dieses Schöpfungsblabla und diese Sache mit den fließenden Energien!
Nun gut, die Ursache für das weit verbreitete Missbehagen liegt für Dyer immerhin klar auf der Hand,
er führt es zurück auf die Ansprüche und Bedürfnisse des Ego, das durch unendlichen Ehrgeiz angetrieben wird und
daher nie zu innerer Befriedigung finden kann, die forcierte Trennung von der Schöpfung eingeschlossen.
Im zweiten Kapitel finden sich tatsächlich ein paar brauchbare Hinweise, die allerdings auch nicht neu sind:
Dass die hemmungslose Jagd nach Besitz, Erfolg und sozialer Anerkennung eher zu einem Burnout als zu
spiritueller Weltumarmung führt, dürfte jedem klar sein, der hin und wieder seinen Kopf zum Denken verwendet.
Direkt an die weitschweifig ausgeführten Ursachen knüpft Dyer dann in den Kapiteln drei und vier die
Lösungsvorschläge an. Man höre und staune: Es ist alles ganz einfach – Ego zum Schweigen bringen, die Schalter für
das eigene Welt- und Selbstbild umlegen und schon umgibt uns tiefer innerer Frieden. Auch hier sind die Empfehlungen
eher simpel: immer mal meditieren, alle Menschen liebhaben und gelegentlich einen Baum umarmen.
Am Ende der Lektüre wissen wir zwar, dass der Autor zwanzig Jahre lang Alkoholiker war und ihm eines
schönen Tages die Morgensonne durchs Fenster geflüstert hat, er möge mit dem Saufen aufhören, aber
damit sind die umfassenden Neuerkenntnisse auch schon erschöpft. Das Buch wimmelt von Weisheiten,
die ebenso gut aus einer kostenlosen Apothekenzeitung stammen könnten und ermüdet mit seinen ständige
Wiederholungen. Die Quintessenz lässt sich von 193 Seiten auf vielleicht zehn zusammenstreichen.
Und wenn man die Begriffe „Schöpfung“, „Gott“, „Vertrauen“ und „Liebe“ raus streicht,
bleiben höchstens noch drei übrig. Damit ist auch die sprachliche Gestaltung im eher Eindimensionalen
verhaftet, sie ist weder ein poetisches Highlight noch ein revolutionäres Feuerwerk. Das Buch liest
sich so, als sei es eine alte Dame, die sich Sonntagnachmittag mit ihren betagten Freundinnen zum
Sahnetortenessen trifft und nicht die richtigen Worte findet: „Jaja, Elsbeth, du hast schon recht
mit dem, was du sagst. Und lasst euch den Kuchen schmecken, ist ein Rezept meiner Schwiegermutter, Gott hab sie selig.“
Für Zuschauer des Films mögen sich hier hilfreiche Erklärungen erschließen und Hardcore-Esoteriker
finden vielleicht tiefere Wahrheiten zwischen den Zeilen verborgen, aber ein Normalsterblicher wird
verwundert den Kopf schütteln: So viele Seiten für so wenig Konkretes? Zu verstaubt, die grundlegende
Theorie schon seit Jahren abgefrühstückt, die praktischen Tipps ewig bekannt. Null Selbsterkenntnis,
null Anwendungsmöglichkeit, null Unterhaltungswert, null interdisziplinäre Verknüpfungen,
denn Wissen aus der Psychologie oder Soziologie blendet Dyer elegant aus. In diesem Sinne:
Lasst uns alle schön nett zueinander sein und wenn wir uns als Teil der Schöpfung empfinden,
gibt es nie wieder einen Seelenkampf und nie wieder einen Krieg!
Bewertung: 



