Rezension: Rost von Philipp Meyer (08/10)



Eine vor Jahren gestorbene Gegend, Menschen, die finanziell und emotional am Ende sind, verlorene Perspektiven und ein Mord aus Notwehr. Und dem gegenüber der leise erwachende Frühling, Sonne und Vogelgezwitscher, sattgrüne Wiesen, Hoffnungen und Träume.

Die Stadt der beiden Hauptprotagonisten hat nach Schließung der einzigen großen Fabrik ihre besten Zeiten hinter sich, Isaac und Poe hätten sie eigentlich noch vor sich, bis dieser Mord passiert, für den der berüchtigte Billy Poe festgenommen wird, während sich der hochbegabte Isaac kopflos auf eine Flucht quer durch Amerika begibt. Außenseiter sind sie beide, man könnte sie zu Beginn sogar für klassische Loser halten - eine Meinung, die nach der Lektüre revidiert werden muss.

Mit vielseitig und wortreich ausgestalteter Hoffnungs- und Trostlosigkeit hätte man rechnen können. Stattdessen entfaltet sich eine Welt, deren Stimmung ganz eigenartig anmutet. Merkwürdig - im positiven Sinn. Merk-würdig eben. Meyer ist etwas ganz Großartiges gelungen: Er hat das Thema der Armut, verursacht durch politische und wirtschaftliche Fehlentscheidungen, auf den Tisch gebracht und bildlich dargestellt, ohne dabei belehrend, mitleidheischend oder missionierend zu wirken. Er hat so geschickt menschliche Träume, Wünsche und Ängste in diese Geschichte eingeflochten, dass man sich den Figuren ganz nah fühlt. Er präsentiert "gute Menschen", die keine Heiligen, sondern menschlich sind. Sie machen Fehler, aber sie lieben auch. Sie verspüren Ängste, aber auch Lust. Sie töten, aber nicht kaltblütig, sondern mit Motiven, die selbst ein kritischer Kopf als edel anerkennen muss. Dabei ist Meyer keine Sekunde lang gefühlsduselig oder kitschig. Seine glaubwürdige und handlungsreiche Geschichte bewegt sich wie ein Netz, das aus organischen Fäden gewebt ist, sie pulsiert, sie rührt an, sie bringt zum Lächeln und zum Kopfschütteln und zum Träumen.

Das Zuhause der Jungen, eine wirtschaftlich und finanziell ruinierten Kleinstadt irgendwo in Amerikas weitläufiger Pampa, erinnert sofort an die berühmteste Sozialstudie der Welt: Man sieht die schlurfenden, in Fetzen gekleideten, trübsinnigen Bewohner aus "Die Arbeitslosen von Marienthal" vor sich, die nach Schließung ihrer Fabrik trotz aller Bemühungen keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen. Nur dass diese Gestalten nicht schlurfen. Sie heben den Kopf und sehen die Sonne am Ufer des Flusses, das taufeuchte Gras zwischen den Bahngleisen und die Zuneigung in den Augen ihrer Gegenüber. Denn in dieser unseligen Umgebung bekommen Freundschaft und Liebe eine ganz neue Bedeutung, weit weg von Pathos und Übertreibung. Und das Verbindungselement all dieser widersprüchlichen Gefühle, die sich wie wild treibende Blumen durch die Stahlrippen der verlassenen Fabrikhallen drängeln, werden durch das schönste Element verbunden, das die Literatur zu bieten hat: durch Poesie. Wie selbstverständlich fügen sich poetische Momente in die temporeichen, dramatischen Geschehnisse, in die manchmal oberflächlichen, manchmal tiefsinnigen Gespräche und in die verschiedenen Weltanschauungen, die letztendlich alle ein bescheidenes Ziel vereint: ein kleines Zipfelchen vom großen Glück zu erhaschen.

Die Handlung wird durch wechselnde Perspektiven vorangetrieben, im Wechsel erzählen Isaac und Poe, aber auch andere beteiligte Personen den Fortgang der Geschichte aus ihrer Sicht. Eine kluge Lösung, denn neben der äußeren Handlung - dem Mord, Poes Inhaftierung und Isaacs Reise durch die Staaten - schließen sich auch nach und nach die inneren Kreise: familiäre Konflikte, die Sehnsucht nach Anerkennung, die Sorge einer Mutter, das schlechte Gewissen einer Schwester, die ihren Bruder im Stich gelassen hat, um der Armut und Enge ihrer Heimat zu entfliehen. Die familiären Auseinandersetzungen - offen oder im Verborgenen wildernd - und die Rahmenbedingungen - Armut, fehlende Perspektiven und der Mord - sind miteinander verknüpft, sie sind Seiten derselben Medaille. Eins führt zum anderen und das Gebäude des Lebens, das daraus entsteht, ist fragil und verletzlich. Unmöglich ist es, ein Urteil über die Handlungen der Figuren zu fällen, denn wer Täter ist, ist auch gleichzeitig Opfer und alle miteinander sitzen sie in diesem Boot, das vielleicht ins Nirgendwo führt.

"Rost" ist ein ganz eigener Blick auf die amerikanische Gesellschaft, in der es dazu gehört, die Schuld des Versagens immer bei sich selbst zu suchen. Meyer zeigt, dass dem mitnichten so ist: Einen Teil der Schuld, wenn es überhaupt Schuld genannt werden kann, verantworten menschliche Fehlentscheidungen. Den anderen, vielleicht größeren Teil, haben Umstände, Gesellschaft und die Wirtschaft zu verantworten, für die Menschen nur Kostenfaktoren sind. Die Personen in diesem Buch strampeln in den Netzen ihres Lebens und jedes Mal ziehen sie an den Fäden der anderen Netze mit. Und die großen Fragen: Was ist Schuld? Wie weit geht man für einen Freund? Was tut man aus Liebe? präsentieren sich in einem neuen Licht.

Meyer hat mit seinem Roman ein solides, vor Schönheit strotzendes und sehr einfühlsames Stück Literatur geschaffen, das in vielen Bildern spricht. Die Komposition zeichnet sich durch eine sorgfältige, stimmige und spannungsreiche Struktur aus. Der Leser hat den Eindruck: Hier sitzt jedes Wort, und zwar goldrichtig. Das ist vor allem auf die authentische Sprache zurückzuführen, denn er nutzt wie selbstverständlich einen Ausdruck, der den Charakteren eine plastische Form verleiht und es darüber hinaus vermag, Gefühle und Eindrücke durch Innere Monologe direkt zu transportieren. Cliffhanger setzt er sparsam und gezielt ein, die Handlung benötigt sie nicht. Sie ist in sich selbst so fesselnd, dass sie wie auf Flügeln durch das Buch schwebt. Sie wird vollkommen durch die sensibel gezeichneten Psychogramme von Menschen, die über typische Romanfiguren im Bereich der Unterhaltungsliteratur weit hinausgehen. Die geschickt eingestreuten Spitzen gegen die Mächtigen und Vermögenden, die nur zwischen den Zeilen zu erahnen sind, unterstützen auf ihre Weise die Situation von Menschen, die in Not geraten sind und zwischen Schulden, Verpflichtungen und Zukunftsängsten kopflos durch die Welt stolpern, immer darum bemüht, alles richtig zu machen. Wer wissen möchte, welches Gesicht Armut hat, der möge das Buch zur Hand nehmen und ihr tief in die Augen schauen.

Ein sprachliches Kleinod, eine mehrschichtige Charakterstudie und ein Bild unserer Zeit: "Rost" ist in Zeiten des wachsenden Egoismus' der Gegenentwurf zu jedem Hauch von Kulturpessimismus. Den Amerikanischen Traum entlarvt er als Lüge, aber der Menschlichkeit in all ihren Facetten verhilft er zu neuem Glanz.
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