Rezension: Die Spur der Kinder von Hanna Winter (08/10)



Während man Hanna Winters „Spur der Kinder“ liest, zieht sich ein bestimmter, zum Ende noch zunehmender Eindruck durch den ganzen Roman: Die Autorin hat ihren schriftstellerischen Fuß in einen Schuh gesteckt, der ihr eine Nummer zu groß ist. Nun rutscht sie dort von Kapitel zu Kapitel ein bisschen verloren darin herum, ohne auch nur einmal mit einem gewaltigen literarischen Tritt auf den Boden zu stampfen.

Vermisste Kinder und offensichtlich dahinter steckende Verbrechen der grausamsten und höchst makabren Art sind ein belletristisch (generell künstlerisch) gern genutztes Thema, allerdings auch schwer zu bearbeiten. Dafür braucht es neben Einfühlsamkeit und einer absolut sicheren Schreibe vor allem auch Insider-Kenntnisse, sowohl aus kriminalpsychologischer und kriminalistischer Sicht, als auch in Bezug auf das Erleben und Fühlen der Eltern der verschwundenen Jungen und Mädchen. Hanna Winter hat uns davon zu wenig gezeigt und sich damit für ihren Roman zu viel vorgenommen. Ihr erster Thriller, der im August 2010 erscheint, beleuchtet das komplexe Thema zu oberflächlich und leider auch zu klischeebeladen.

Zunächst: Das 343 starke Taschenbuch liest sich flüssig und in einem Rutsch weg, die Handlung ist logisch aufgebaut, die Struktur simpel, sie orientiert sich an üblichen Vorgehensweisen, die sich schon millionenfach in der Schriftstellerbranche bewährt haben. Winter wagt einen rasanten szenischen Einstieg und stellt recht gekonnt zwei konträre Szenen einander gegenüber: das Erleben einer Jugendlichen, die nach einem Streit mit ihrem Freund in einem dunklen und menschenleeren Wald in einer verlassenen Hütte von einem Unbekannten gefangen genommen wird und das Gespräch von Polizisten mit einer Mutter, deren Tochter bereits vor zwei Jahren spurlos verschwand. Gleich in Folge wird eine Reihe von möglichen Verdächtigen präsentiert, die alle in Frage kommen könnten – der Freund der Mutter, der Besitzer eines verdächtigen Lieferwagens vor dem Kindergarten, ein Rentner, der eine kindefreundliche Neigung erkennen lässt. Dieser Wechsel zwischen Sicht der Angehörigen und der Polizei sowie den Opfern wird durchgehalten und erzeugt durch den ein oder anderen kühn platzierten Cliffhanger eine gewisse Grundspannung.

Allerdings schmälern zwei Makel den Leseeindruck. Zum einen stützt sich Hanna Winter bei der Entfaltung ihrer Geschichte auf jedes auch noch so platte Klischee, dessen sie habhaft werden konnte: Es werden ausgerechnet Lilien an die Eltern der vermissten Kinder geschickt – todesblumiger geht es wohl kaum. Im Bezug auf den / die mögliche/n Täter werden bewusst falsche Fährten gelegt, die aber so unausgegoren und durchsichtig sind, dass sie wie lieblos ins Buch geworfen wirken. Man bekommt den Eindruck, Winter hätte streng nach Liste geschrieben: Verdächtigen vorstellen, Verdächtigen etwas „Merkwürdiges“ tun oder sagen lassen, Verdächtigenpool auf dem Lesezenit aufmarschieren lassen, Pool wieder leeren und einen Verdächtigen nach dem anderen wieder wegstreichen, bis nur noch eine Person übrig bleibt. Klar, dass diese Struktur in der Regel so häufig in einem Buch zu finden ist – die grundlegenden Wege, Spannung zu erzeugen, sind nun mal begrenzt – aber diesem Roman nimmt das klassische Katz- und Mausspiel viel von der Ernsthaftigkeit und Betroffenheit, die das Thema eigentlich vermitteln sollte. Weitere Klischee-Lesekiller: eine Liebesgeschichte, so trivial, dass sie nur schwer zu verdauen ist und ein Ende, das den anfänglich nicht negativen Leseeindruck ins Gegenteil verkehrt.

Der zweite Mangel der durchaus unterhaltsam zu lesenden Geschichte ist der Hauch von Unglaubwürdigkeit, der den Roman durchzieht, ihm sogar teilweise den Eindruck abstoßender Distanz verleiht: Die handelnden Personen werden in all ihren Facetten, Regungen, Gefühlen und Handlungen abgefrühstückt wie ein Fast-Food-Menü. Die Gefühle, die ein Elternteil empfindet, nachdem sein Kind spurlos verschwunden ist, werden nicht annähernd nachvollziehbar geschildert – zu viel Tamtam auf dem Plateau der Pauschalannahmen. Weder kommt Mitleid, noch Schrecken, noch Betroffenheit auf – nichts von dem kann die Autorin, obgleich eifrig bemüht, mit ihren Schilderungen beim Leser hervorrufen. Das Gleiche gilt sowohl für den ermittelnden Polizisten mit seinem ganz eigenen Trauma als auch für die nach der aufgedeckten Täterschaft dargelegten Beweggründe für die Verbrechen. In Windeseile wird die Erklärung für die Tat hingeworfen, offensichtlich ohne jemals mit einem einzigen Kindesentführer oder Kriminalbeamten auch nur gesprochen zu haben. Das Gefühl: die Autorin zimmert sich eine Geschichte aus eigenen Vorstellungen, „so in etwa könnte der oder die in einer solchen Situation empfinden“. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass sie sich auch sprachlich einer ziemlich abgenutzten Form bedient – ausgediente Metaphern werden halbherzig wiederbelebt, sie sind auch so ziemlich die einzigen literarischen Stilmittel, die Verwendung fanden. Ausgelutschtes wird wieder aus der Mottenkiste des literarischen Plunders gekramt, kann sein altes Kleid aber nicht wirklich verbergen.

Der Roman könnte durchaus als passables Unterhaltungsstück dienen – er liest sich wirklich recht angenehm. Aber – und das ist das Prekäre daran – das Thema selbst ist für bloße Unterhaltung einfach zu schwer. So fehlt dem Buch leider die Stoßkraft eines Dramas, es ist aber auch nicht der Thriller, der es gern sein möchte. Schon gar nicht eignet es sich für Leserinnen und Leser, die solide Recherchen schätzen und sich gern auf etwas mehr stürzen, als bloße Handlung in schnellen Szenefolgen. Die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele von Menschen, die sich an Kindern vergreifen, werden als schnell abgehaktes Spektakel inszeniert, die Emotionen von Müttern und Vätern, denen ein Kind genommen wird, verharren an der Oberfläche. Das Fazit: schlecht gewähltes Thema, vor allem für einen Erstling, angenehme Schreibe mit eher geringem Anspruch, ein simpel gestricktes Werk, das sicherlich auch Anhänger finden wird. Denn wer sich mit dem fehlenden Tiefgang anfreunden kann, wird sich durchaus für den Roman begeistern. Leserinnen und Leser, die komplizierte Seelenkämpfe lieber leicht verpackt genießen wollen, werden es sicherlich mögen.
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