Völlig fremde Welt: M’era Luna – Festival 2010 (08/10)



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Das zum zehnten Mal stattfindende Gothic-, Darkwave- und Alternative-Rock-Festival in Hildesheim verzeichnete am vergangenen Wochenende mit 24.000 Menschen einen neuen Besucherrekord. Über vierzig Bands traten auf zwei Bühnen auf, die Wege waren mit Verkaufsständen und verschiedensten Imbiss- und Getränkebuden gesäumt, auf dem riesigen Flughafengelände reihten sich Hunderte von Metern lang bunte Zelte aneinander, die Sonne zeigte sich von ihrer schönsten Seite, der Anblick der Menschen war ein einziger Augenschmaus. Schwer zu sagen, was am schönsten war: Die herrlichen, zum Teil wunderschönen, zum Teil echt skurrilen Kostüme, Masken und Verkleidungen? Die tolle Livemusik, die fast pausenlos gespielt wurde? Die mitreißende Stimmung, das Tanzen in der Menge, das Gefühl von Vertrautem angesichts all dieser Repräsentanten der Szene? Am besten, man nahm einfach alles mit: Autogrammstunden neben der Main Stage vor oder nach dem Auftritt der persönlich favorisierten Bands, entspannt im Gras liegend das Spektakel beobachten und die unglaublich vielfältig gekleideten Besucher bestaunen, leckere Gerichte aus einem großen Angebot wählen, auf dem Mittelalterfest Mäuseroulette spielen, Gaukler, Musikanten und den waschechten Henker anschauen, sich morgens den Kaffee bis ans Zelt bringen lassen, herumschlendern, auf den Basaren in Klamotten, Schmuck und tausend anderen Dingen stöbern.

M’era Luna ist wie der Übertritt in eine ganz andere, faszinierende und wunderschöne Welt fernab der gewohnten. Hier wird die bürgerliche Haut einfach abgestreift, der Alltag für ein Wochenende ins Nichtexistente abgeschoben. Man kann sich auf das eigene Innere besinnen und im Gras ein philosophisches Buch lesen, während die Musik einen völlig gefangen nimmt. Man kann schwatzen, lachen, tanzen, schwärmen – aber nicht so, wie daheim im Wohnzimmer, wenn Freunde zu Besuch kommen, sondern in einer Umgebung, die es leicht macht, die eigene Identität mit einem Fingerschnipsen zu verwandeln. Das Lebensgefühl der Schwarzen Szene scheint wie zarter Nebel in der Luft zu liegen, die dort zur Schau gestellte Schönheit (im Sinne der visuellen Ästhetik) ist allgegenwärtig, sie umgibt einen von allen Seiten, bis man ganz und gar davon eingehüllt ist. Tief innerer Frieden trifft Unternehmungs- und Abenteuerlust, nachdenkliches Versunkensein steht neben aufwühlender, heftiger Lebenslust – keine Spur von Trauer und Melancholie, wie sie der angeblich todesaffinen Szene gern von Nichtkennern zugeschrieben wird. Hier wurde gerockt statt gejammert. Hier wurde das Mittelalter – freilich nostalgisch verzerrt – wiederbelebt, um einen wohligen altertümlichen Grusel zu verbreiten. Natürlich macht auch die – zweifelsohne von den Veranstaltern und Ladenbesitzern gehegte Kommerzabsicht – vor dem eigenen Bewusstsein nicht wirklich Halt, wenn man dorthin fährt. Aber als Verbraucher zahlt man lieber für das kostbare Festivalbändchen als für eine nächste öde Veranstaltung, die den eigenen Geschmack doch nur marginal – oder auch gar nicht – trifft.

Tatsächlich ist es den Besuchern gelungen, eine Atmosphäre zu zelebrieren, die Normalos auf angenehme Weise neugierig macht und Gothics ein warmes Gefühl von Heimat vermittelt. Anhänger der Szene durften hemmungslos ausleben, was einen Großteil ihrer Persönlichkeit ausmacht, im Alltag aber häufig mühsam versteckt werden muss. Die Erkenntnis, dass Tausende von Menschen „artverwandt“ sind, ist für einen echten Goth, der sich in der bürgerlichen Welt häufig fremd, sogar skurril, fühlt und seine Möglichkeiten als eingeschränkt empfindet, so etwas wie eine erleichternde Offenbarung. Vielleicht deshalb ist die Szene auch so ausgesprochen hilfsbereit, freundlich und untereinander offen: Besoffene, die wie wild rumgrölen und mit fortschreitendem Alkoholpegel auch gewaltbereite Auseinandersetzungen zeigen, gibt es nicht, auf Fragen oder Kontaktaufnahmeversuche kann man in der Regel mit einem freundlichen Lächeln und einem kleinen Plausch rechnen.

Aber nicht nur die „Eingeweihten“ hatten Spaß: Auch eine nicht kleine Anzahl von Leuten, die vielleicht nur die ein oder andere Band mal hören wollte, sich aber nicht explizit zur Szene zählt, fand neben dem musikalischen Genuss auf dem Gelände zahlreiche Möglichkeiten der Unterhaltung und Zerstreuung.

Weil es unmöglich ist, auch nur einen Hauch der eigentümlichen Stimmung in Worten zu erklären, nur ein Vergleich, der vielleicht am ehesten zutrifft: Die Romantiker suchten einst nach etwas, das sie selbst nicht in Worte zu fassen vermochten – die Erfüllung einer unbeschreiblichen und namenlosen, aber sehr tiefen Sehnsucht. Es gab Momente auf dem M’era Luna, die es vielleicht vermögen, in uns dieses Gefühl nachzuempfinden: jenen Augenblick, wenn die Romantiker glaubten, die Erfüllung ihrer Sehnsucht gefunden zu haben.

Erwähnt sei noch, dass es „die Szene“ wie einst in den Achtzigern so gar nicht mehr gibt. Die Vielfalt, sowohl äußerlich als auch musikalisch, kommt vor allem durch die zunehmenden Einflüsse aus anderen Gruppen zustande. Gerade diese Vermischung und Grenzüberschreitung machen einen Großteil des Zaubers aus. Punk, Rock, Elektro, Industrial und andere Musikrichtungen pluralisieren Kunst, Lebensstil und Erscheinungsbild. Dadurch entsteht noch mehr, was es für Festivalfans zu begucken und anzuhören gibt, sodass man mit einer Menge an neuen, tollen Eindrücken wieder nach Hause fährt.

Beiträge zu einigen Bands und ihren Auftritten folgen später einzeln in Kurzporträts.