Musikalische Schönheit hat einen Namen: Hurts (09/10)



Es ist eins dieser Lieder, bei dem man mitten im Gespräch innehält und mit einer unbestimmten Geste den Kopf plötzlich hebt: „Pssst! Mach mal das Radio lauter!“ Schon bei den ersten Klängen kommt dieses unbeschreibliche Gänsehautgefühl, fast so etwas wie ein undeutliches Erinnern. Ein Achtziger, neu aufgemischt? Ein Depeche-Mode-Klon? Ganz bestimmt nicht, denn dieser Song hat nicht nur etwas Zeitloses und etwas verführerisch Nostalgisches, er kommt so ungeheuer kraftvoll und frisch daher, dass er unmöglich schon mal auf dem Markt gewesen sein kann.

Inzwischen haben die zwei Manchester Musiker mit ihrem Album „Happiness“ auch die immergleichen Popcharts fröhlich aufgemischt und sogar die eher dunkel angehauchten Musikmagazine „Zillo“ und „Orkus“ widmen den Jungs mit den ernsten Gesichtern in ihren Septemberausgaben jeweils eine Doppelseite.

Theo Hutchcraft und Adam Anderson mit ihrem minimalistischen Schwarzweißvideo und ihrem eingängigen Sound mehren die Mysterien, die sich um ihren plötzlichen Erfolg ranken, haben sie doch die alte sozialromantische Geschichte vom Aschenputtel werbewirksam wiederbelebt. Arbeitslosengeldempfänger waren sie, die ihr Zuviel an Zeit und ihr Zuwenig an Lebensperspektive produktiv in ein Studioalbum umwandelten. Nicht, dass das sofort geklappt hätte – schließlich sind sie bereits zweimal mit jeweils anderen Bands am Geschmack der verwöhnten Musikhörer gescheitert und erst der Imagewechsel zu den eigentümlich anmutenden Anzugträgern mit akkuratem Seitenscheitel und gegelten Haaren brachte den neuen Hype mit sich, der ein bisschen Sehnsucht, ein bisschen Retro und ganz viel Diskussion im Schlepptau hat. Auf verschiedenen Internetforen tummeln sich schwärmende Fans, andere Seiten künden von herber Kritik des angeblich schon längst Dagewesenen und unerträglich Melancholischen. Hutchcraft und Anderson kann das egal sein. Sie haben eine saubere Arbeit abgeliefert, mit Kompositionen, die textuell tief in die Kitschkiste greifen, und mit Melodien, die einen – ob man will oder nicht – gefangen nehmen. Hutchcrafts Ausnahmestimme, die sich markant von dem Einheitsbrei der popquietschenden Eintagsfliegen abhebt, geht auf sehr angenehme Weise durch Mark und Bein.

Und so tritt der Song „Wonderful life“ seinen Siegeszug an. „Hymnisch, betörend, voller Magie und Gefühl und doch von einer seltenen Ruhe getränkt, die fast etwas Sakrales hat“, urteilt Björn Springorum für „Orkus“. Ein wahres Wort – und so sieht man über die Zukunft, die auf die beiden Künstler vermutlich wartet, großzügig hinweg. Man wird sie kommerziell verheizen, bis von ihrer Originalität nicht mehr viel übrig ist und auch dieses erfrischend Ansprechende ihrer Präsentation sich verflüchtigt hat. Man wird sie in den Radios dudeln, bis sie mehr zu Küche und Abwasch oder Büro und Mittagspause gehören als zu etwas ganz Großem, dem man mit geschlossenen Augen und Kopfhörern lauschen muss. Aber bis dahin können sie uns ganz und gar verzaubern.

Anspieltipps:

Mächtig, sehnsüchtig, tanzbar: Wonderful life
Tiefgehend, weltschmerzend, wunderschön: Illuminated