Leichenfledderei am toten Sozialstaat (06/10)Heute wurde der Sozialstaat endgültig zu Grabe getragen.
Mit dem von Bundeskanzlerin Merkel vorgetragenen Sparpaket hat
die Regierung dieses Landes sich ganz klar positioniert: Ihr
politisches Ziel ist nicht Schadensbegrenzung, sondern gesellschaftliche Spaltung.
Die Botschaft, dass die Schwachen (ver-) bluten müssen, während die Verursacher der
Krise unbehelligt weiter ihre Raubzüge unternehmen können, hätte nicht deutlicher
sein können, wenn klare Worte gewählt worden wären:
Das Deckmäntelchen der geheuchelten Sozialstaatlichkeit, in das sich
Regierung und Wirtschaft hüllen, um ihrem Wettbewerbswahn um Macht und
Geld ungestört frönen zu können, hat sich als Lüge entlarvt. (...)
Es ist aber nicht diese Erkenntnis und auch nicht diese hemmungslose,
unverschämte lange Nase, die Politik, Wirtschaft und Hochfinanz der
Bevölkerung macht, um zu zeigen, dass der Wille des Volkes in diesem
Staat nur noch Fassade ist. Damit konnte man rechnen, es ist genau der Stil,
den man längst kennt. Was dabei wirklich schockiert ist die Tatsache, dass ein
Großteil der um ihr Grundrecht auf soziale Sicherheit und sozialen Ausgleich
betrogenen Menschen es immer noch nicht verstanden hat. Die mediale Gehirnwäsche
hat ganze Arbeit geleistet, denn unfassbarer Weise gibt es immer noch zahlreiche
Bürgerinnen und Bürger, die die Schuldigen in der Schicht suchen, die unter ihrer
eigenen angesiedelt ist. Natürlich muss man den schmarotzenden Arbeitslosen das
Elterngeld streichen, sie sind es, die den Staat ruinieren, so schallt es aus vielen
Ecken der Republik. Keine Rede davon, dass der Markt sich durch seine Gier selbst
zerstört hat, dass politische Fehlentscheidungen, Korruption und zockende Banker
uns dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Es sind immer diejenigen die Sündenböcke,
die sich nicht wehren können und mit denen man sich keinesfalls solidarisch auf eine
Stufe stellen will, weil man befürchtet, Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung könnten
anstecken. Keine Rede auch davon, dass das Problem der hohen Schulden und der Armut zu
lösen wären, wenn man die Milliardäre und Großkonzerne endlich durch einen gesetzlich
leicht realisierbaren Griff in die Tasche um das Geld erleichtern würde, das uns gehört,
aber an allen Ecken und Enden fehlt. Stattdessen jubeln Menschen, weil ihren Nachbarn für
ihren „Luxus“, an ihrer Armut nicht in der Gosse zu krepieren, bestraft werden. Sie sind
zu blind, vielleicht auch zu verängstigt, vielleicht auch zu sehr von eigenem – falsch
ausgerichtetem – Neid getrieben, um zu erkennen, dass sie nach Strich und Faden beschissen
werden. Schafe sind wir, die dem Schlächter den Hals bloßlegen, Verurteilte, die dem Henker das
Seil reichen. Dem Totengräber halten wir die Schaufel, während er am verendeten Sozialstaat eine
Leichenfledderei begeht, die jeder Beschreibung spottet. Unsere Politik trägt im Schulterschluss
mit den marktbeherrschenden Unternehmern unser Grundgesetz zu Grabe. Und wir stehen daneben und halten die Kerzen.
Der Raubbau an unserem Sozialstaat, der einst allen ein menschenwürdiges Existenzminimum ermöglichen
und die Teilhabe an dieser Gesellschaft gewährleisten sollte, der Stück für Stück vorangetrieben wird – schleichend,
scheibchenweise, immer wieder besänftigend, immer mit leeren Versprechern, die nur zu gern geglaubt wurden –
erreicht mit dem heutigen Tag seinen traurigen ersten Höhepunkt. Weitere werden folgen. Aber es gibt auch
diese andere Entwicklung. Vereinzelt werden Gegenstimmen laut, immer mutiger steht der ein oder andere auf.
Noch sind es Vereinzelte, die von vielen Seiten belächelt, verhöhnt, verachtet oder sogar beschimpft werden.
Angesichts der Realität spielt diese noch weit verbreitete Reaktion keine Rolle mehr,
denn heute habe ich es gehört, aus dem Mund eines Fremden, die Augen schwarz vor Wut,
die versaute Zukunft seiner Kinder in diesem Land vor Augen, ein Mensch durch und durch,
den man versucht hat, seiner Würde zu berauben: „Ich will, dass es einen Kampf gibt“,
presste er zwischen den Lippen hervor. Schneidend, mit kehliger Stimme, erfüllt von einem Zorn,
der dieses Land blitzartig überschwemmen könnte wie eine Seuche. „Ich will, dass die endlich
aufstehen und sich wehren und wenn es soweit ist, werde ich einer von denen in der ersten Reihe sein.“
Und da, liebe Bürgerinnen und Bürger, lief es mir eiskalt über den Rücken.