John Irving: Bis ich dich finde (06/10)Die skurrile Lebensgeschichte des Schauspielers Jack Burns, der ohne Vater und immer im Glauben,
jener habe ihn absichtlich verlassen, aufwächst, versammelt wieder alles, was einen Irving ausmacht:
Sexueller Missbrauch eines kleinen Jungen durch eine ältere Frau, eine abenteuerliche Suche quer durch
Nordeuropa, Abstecher ins Rotlichtmilieu, unbeantwortete Fragen, Lügen und Sehnsucht, eine lange
Suche nach dem eigenen Ich. Die Struktur ist hält sich an eine strenge Chronologie, von der
Kindheit und Jugend, die Jack überwiegend in einer Mädchenschule und einem Jungeninternat verbringt,
bis hinein ins Erwachsenenalter wird die Geschichte des jungen Mannes erzählt, prägende Stationen
seines Lebens aneinandergereiht wie Perlen auf einer Kette, aufgelockert durch erklärende oder
verbindende Rückblenden und Spannung erzeugende Voraussichten.
Wir begleiten den Vierjährigen, der an der Hand seiner Mutter seinem Vater nachjagt,
das Kind, das seine ersten Schritte in der Welt des Theaters geht und zwischen all den
Mädchen allerlei auszustehen hat, den Pubertierenden, der sich von seiner Mutter mehr und
mehr entfernt und den Mann, der nicht nur auf der Bühne oder vor einer Kamera zu schauspielern
gezwungen ist. Der Roman sprüht geradezu vor Fabulierlust, er ist reich an vielseitigen Bildern,
sodass sich beim Lesen wie von selbst eine ganz eigenes Universum vor dem inneren Auge erschließt.
Komik und Tragik liegen dicht beieinander und so ist es nicht verwunderlich, dass ein Leichenschmaus
zu einer wilden Bikerparty mutiert, ein langhaariger Vaterloser in Frauenrollen brilliert und mit einem nicht ganz
eigenen Drehbuch schließlich den Oscar gewinnt. Herrlich auf die Schippe genommen wird die ach so schillernde Welt
Hollywoods, denn Irving entlarvt die Filmwelt mit einem Augenzwinkern. Aber reichlich durchgeknallt treten nicht
nur die Beaus und Layds auf dem Roten Teppich auf: Scheinbar ganz normale Leute präsentieren die gesamte Palette
menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Freundschaft und Liebe, Verlust und Gewalt, Einsamkeit und Versöhnung,
Täuschung und Wahrheit, Erinnerung und Mut – all diese Pole der zwischenmenschlichen Beziehungen stehen im Mittelpunkt.
Drei Themen haben den Roman sofort mein Herz erobern lassen: Die ureigene Darstellung der Tattooszene (Jacks Mutter
ist eine Könnerin auf diesem Gebiet), die liebevoll ausgestalteten musikalischen Bezüge (Jacks Vater ist ein Organist,
der sich Noten auf den ganzen Leib stechen lässt) und das wilde Gewusel auf der Mädchenschule, das – jedenfalls in
Zügen – an die Art von Büchern erinnert, die ich als Jugendliche mochte. Freilich bleibt Irving bei diesem harmlosen
Blabla bekannter Internatsgeschichten nicht stehen, seine Mädchenschule hat es in sich.
Die umfassenden, detailgenauen Schilderungen tragen ihren Teil dazu bei, das Universum Jacks mühelos zu entfalten.
Irving benutzt viele Worte – aber kein einziges ist zu viel. Er zaubert damit Schilderungen von Orten, die man zu
kennen glaubt, obwohl man sie nie gesehen hat. Er zeichnet damit die Charaktere der Figuren, die trotz ihrer ganzen
Schrullen, Macken und emotionalen Lasten liebenswert wirken – und er zeichnet sie mit hohem Wiedererkennungswert und
treffender Individualität. Er beweist damit eine Beobachtungsgabe, die über das Gewöhnliche weit hinausgeht.
Mannigfaltige Handlungsstränge werden kunstvoll miteinander verwoben, ein filigranes und schimmerndes Netz,
in das man sich nur zu gern fallenlässt. Ebenso geschickt verwoben sind zahlreiche intertextuelle Bezüge:
Zuweilen klingt „Der Fänger im Roggen“ an, dann wieder drängen sich in einer Szene im Sanatorium Dürrenmatts
„Physiker“ auf. Der im Roman angestimmte Grundton ist ein melancholischer, auf seine Weise hoffnungsvoll –
eben ganz und gar auf diesem schmalen Grat zwischen zwei Extremen, die ohne einander nicht vorstellbar sind.
Eine Prise Unglaubwürdigkeit erzeugt allerdings der allzu leichte Weg nach Hollywood, den Jack und seine Freundin
Emma nehmen. Scheinbar mühelos werden zwei Karrieren in der Welt der Reichen und Berühmten beschrieben, die für
meinen Geschmack etwas zu glatt dem Zenit entgegen rutschen. Ein bisschen Talent, ein Umzug nach L.A. – und schon
steigt die Rakete des Jacks Burns senkrecht in den Himmel, um ganze Bäche von Geld und Ruhm regnen zu lassen.
Aber vermutlich gehört diese als problemlos geschilderte Art des Aufsteigens in den Kochtopf der Mahlzeit, die
von Irving zu einer widersprüchlichen, ironischen Suppe verrührt wird. Denn das Seelenheil findet Jack Burns mit
Hilfe seiner Karriere (freilich) nicht.
1140 Seiten John Irving – und ich habe jede einzelne davon geliebt! Seit „Garp oder wie er die Welt sah“ bin ich
glühende Irving-Anhängerin – aber angesichts dieses Romans müssen, so meine ich, alle anderen Irving-Romane
respektvoll in die zweite Reihe treten.