Meinem Opa zum zehnten Todestag (06/10)
Als ich Kind war, war ich der festen Überzeugung, meine Großeltern würden ewig leben.
Völlig abwegig der Gedanke, sie könnten eines Tages mal nicht mehr da sein. Alles,
was vielleicht zu sagen gewesen wäre, konnte man später aussprechen. Alles,
was man zu tun vorhatte, konnte man auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der
Zukunft verschieben. Nächstes Mal, irgendwann oder so. Für die wirklich wichtigen Dinge kann es, so glaubte ich, nie zu spät sein.
Wenige Tage vor seinem Tod im Juni 2000 widerlegte mein Großvater diese Theorie,
indem er erst drei Herzinfarkte erlitt, zehn Tage auf der ITS dahindämmerte und schließlich verstarb.
Wenige Tage vorher hatte er mir erklärt, er hätte sein Leben gern anders gelebt. Zum Beispiel hätte er
gern viel mehr gelesen, (was ihm niemand zutraute – er war Bauer und wurde gemeinhin als eher ungebildet angesehen).
Als Kind hätte er viel gelesen, sagte er, und als ich meinte, er könnte doch immer noch damit anfangen, erklärte er mir,
einer gerade Zwanzigjährigen, dazu sei es zu spät. Dazu war es tatsächlich zu spät. Aber es war für mich nicht zu spät,
ihm zu sagen, was er mir bedeutete. Dass ich den Geruch seiner F6 mochte, sein brummiges Wesen, sein dröhnendes Gelächter,
seine Arbeitsklamotten, seine großen, immer dreckigen Hände. Er zählte die Sterne, wenn er abends auf dem Balkon rauchte
und steckte mich zu den neugeborenen Kälbchen in den Stall, während er seiner Arbeit nachging. Er ließ mich beim
Kartenspielen gewinnen und schlief mit der Brille auf der Nase vor dem Fernseher ein. Er schlurfte beim Gehen und
schippte Kohlen wie ein Junger.
Heute sehe ich nicht mehr die trostlosen Fliesen auf der Intensivstation oder den
pompösen Grabstein, über den er missbilligend die Nase gerümpft hätte, hätte er ihn
sehen können. Vieles in seinem Leben ist im gegen den Strich gegangen. Vieles nach seinem Tod hätte er ebenso gehasst.
Ich sehe rotbackige Äpfel von den eigenen Feldern, blankpoliert und zuckersüß.
Ich sehe dunkle Keller mit gefüllten Kuchenblechen, duftendes Heu in einem Sackkarren,
mein winziges Zelt zwischen Rosenrabatten und Grashalmen im Garten, das geschwungene
Geländer des gelb überdachten Balkons. Ich sehe eine fürchterlich unaufgeräumte Werkstatt
und einen dunklen Stall und mittendrin den Opa mit grimmigem Gesicht, das plötzlich strahlen konnte,
als hätte man eine Lampe angeknipst. Ich sehe frisch geerntete Erbsenschoten, einen grünen Traktor mit
lila Nase, ausgelatschte Schuhe, Dampf in der Waschküche, eine Sichel in schmutzigen Händen,
Knoblauchpastillen und belustigt hochgezogene Augenbrauen: „Uffm Heuboden kriechen Spinnen rum.
Biste sicher, dassde do oben schloffen willst?“ Und, mit schon eingefallenen Wangen und gebücktem Gang,
die Stimme melancholisch angehaucht: „Do oben das isser große Wagen. Gibt och noch‘n kleenen.“
Aus seinem Lieblingssofakissen habe ich eine Tasche genäht, bunt und fröhlich und ein bisschen vergilbt.
Das ist das, was mir geblieben ist – neben der Gewissheit, dass es durchaus zu spät für etwas sein kann,
vor allem, wenn man bis zum Tod ein Leben führt, das einem gegen den Strich geht, ohne den Mut zu finden, es zu ändern.
Da oben ist der große Wagen, Opa. Wenn ich ihn sehe, sehe ich dich, wie du auf dem Balkon stehst,
den Kopf in den Nacken gelegt, die Hände auf dem Geländer, rau und schmutzig. Und wenn du mich eins
gelehrt hast, dann die Beharrlichkeit, das Selbst zu verteidigen. Niemals gegen eigene Überzeugungen
leben – und wenn man dafür gehasst, verachtet, verhöhnt, belächelt oder angefeindet wird – unsere Überzeugung ist es,
die uns zu dem macht, was wir sind. Wer sich selbst im Spiegel nicht mehr in die Augen sehen
kann und dieses Feuer im Herzen nicht mehr spürt, der ist so verloren, wie du es warst.