Kollektiver Lena-Wahn – Gebt dem Volk Brot und Spiele! (06/10)



Eine Neunzehnjährige gewinnt nach 28 Jahren für Deutschland den Grand-Prix – und schon flippt die gesamte Gesellschaft schichtübergreifend aus. Ein nichtssagendes Popliedchen, ein paar unbeholfene, aber mit Selbstbewusstsein präsentierte, (nur entfernt an einen Tanz erinnernde) Bewegungen auf der großen Bühne, kesses Gequatsche aus einem „unverbrauchten“ Mund, ein strahlendes Lächeln hier, ein lockerer Spruch da. Und als sei das Land von einem heftigen Fieber ergriffen, kniet die Bevölkerung, starr vor Ehrfurcht, vor der süßen Abiturientin nieder und feiert sie wie einen neuen Messias. Nicht enden wollender Jubel vor den Fernsehern und auf den Straßen, Küsschen vom Ministerpräsidenten, nach Luft schnappende Journalisten in der Pressekonferenz und der Satellit fliegt auf allen Radiosendern stundenrund. In den Foren wagt niemand, auch nur einen Hauch an Kritik an dem frischgebackenen Sternchen zu üben – Kübel voller Neidvorwürfe warten schon darauf, über demjenigen ausgeschüttet zu werden.

Wir sind Lena. Lena, wir lieben dich. Das deutsche Volk hat eine moderne Repräsentantin, die es in den Augen Europas und der ganzen Welt von dem verstaubten Image der verbiesterten Engstirnigkeit befreit. Sie spricht ein schreckliches Englisch? Egal – nein, vielmehr – das ist Teil ihrer Show! Sie wirkt so natürlich und ungecastet? Vergessen wir, dass ihre Stimme zuvor als eher mittelmäßig bezeichnet wurde, ihr Lied nicht aus eigener Feder stammt, die Promotion monatelang sehr schleppend in den deutschen Landen lief und sie keineswegs ohne Castingshow auf eine Bühne gelangt ist. Sehen wir auch mal über die absurde Forderung nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes hinweg und fragen uns:

Was ist denn da passiert?

Der Sieg beim Grand-Prix war für die Deutschen das Startzeichen, endlich hemmungslos drauflos zu schwärmen. Der Anlass ein zufälliger – aber Musik ist so herrlich unverfänglich, so frei von Geschichte und Gegenwart. Die Erlaubnis – europaweit erteilt – hingebungsvoll seufzend einem harmlosen Gefühl freien Lauf zu lassen, ließ alle Dämme brechen. Vergleiche mit Süßkinds berühmter Massenorgie drängen sich auf. Auch hier stöhnten sich ausnahmslos alle die orgiastische Seele aus dem Leib. Umso komischer ist das, weil vielen der Song nicht einmal gefällt! Zugeben würde das natürlich niemand, es käme einer Gotteslästerung im Mittelalter gleich – und wo die endete, ist ja hinreichend bekannt.

Wunderbar, diese Inszenierung! Wunderbar zu beobachten, wie ein ganzes Volk sich davon mitreißen lässt! Politiker, Medien, Unternehmen und das gemeine Volk endlich einmal im Schulterschluss! Für „It’s soouuuu gräiiiissssi!“–Lena betend auf den Boden zu fallen ist ja auch so viel einfacher, als sich mit der bösen, kalten Realität auseinanderzusetzen! Deutschland ist am Boden – wirtschaftlich im Eimer, sozialstaatlich am Ende, politisch fest in den Händen bestechlicher Marionetten und überdies mitten im Krieg – aber es jubelt sich gemeinschaftlich das Hirn aus dem Kopf. Brot und Spiele – wie im alten Rom! Gladiatorenkämpfe, Hinrichtungen, Massenjubel – Hauptsache, es rockt! Was für eine Leistung derer, die das Spiel gestartet haben, damit die Menschen einen Augenblick lang vergessen, dass ihnen selbst das Brot verwehrt wird! Die Franzosen gehen wegen Massenentlassungen auf die Barrikaden - und die Deutschen wegen eines Popsongs! Chapeau! Twelve points!

Lena ist wirklich süß. Nicht weniger – und nicht mehr. Wer es wagt, diese äußerst subjektive und einsame Einstellung auszusprechen, sollte sich vor dem geifernden Mob in Acht nehmen, der „seine“ Lena bis aufs Blut verteidigt. So cool! So geil! So himmlisch! Ganz klar, Lena gehört in die Riege, in der sich weltberühmte, innovative Künstler, erfolgreiche Krebsforscher, Lebensretter und Jesus tummeln. Das nachsichtige, aber verständnislose Lächeln der paar Wenigen, die diesem Wahn nicht ganz folgen können, verhallt ungesehen, denn in diesen Tagen kann es zu nicht wiedergutmachbarer Isolation führen. Menschliches Austicken in all seinen Facetten, in jeder Ecke dieser Republik – wegen eines geträllerten Liedchens: Für Soziologen ist diese Spielwiese ein Forschungsparadies. Sofern sie nicht selbst Opfer dieses Irrsinns geworden sind...