Alexander Veljanov in Hannover (05/10)
Das „letzte Konzert für eine lange Zeit“ gab Alexander Veljanov gestern
im Hannoveraner Capitol zum besten. Umso schöner für uns, dass wir ein
weiteres Mal dabei sein konnten. Querfeldein waren wir gefahren, um die
Pfingststaus auf den Autobahnen zu umgehen, die kostbaren Karten in der
Hemdtasche, das samtene Mieder zu eng geschnürt, um noch richtig atmen zu können.
Aber atmen und Veljanov – dazwischen klafft sowieso eine unüberbrückbare Kluft,
damals wie heute: Wer den Deine-Lakaien-Frontman und vielseitigen Solokünstler singen hört, vergisst das Atmen schlicht.
Es war ein eher kleiner Kreis von Wartenden, die im Capitol geduldig an ihren Getränken
nippten, von einem Fuß auf den anderen traten, verhaltene Gespräche führten, die Klamotten
zurecht rückten – eine dennoch kraftvolle Woge schwarz gekleideter Gestalten vor der Bühne
und an den Tischen, wartend auf himself, Alexander Veljanov.
Dann kam der, der seinen Weg gefunden zu haben scheint: Er präsentierte mit einer
wirklich guten Band die Songs von seiner letztveröffentlichten Soloscheibe „Porta Macedonia“ und
einige andere Lieder: Gewaltig und sanft, stimmlich ganz auf der Höhe, eben unverkennbar Veljanov.
Musikalische Begleitung, Rhythmus und Gesang fanden sich in der altbekannten, längst liebgewonnenen
harmonischen Einheit und obwohl wir es bereits wissen, verwundert es doch immer wieder: Der klassisch
in einen dunklen Maßanzug gehüllte Vokalist trifft auch live jeden verdammten Ton. Nicht umsonst gilt
er auch in der Szene als Ausnahmetalent.
Die „Porta Macedonia“ ist ein besonderes Stück, sie vereinigt
zahlreiche musikalische Einflüsse, trägt einen Hauch südosteuropäischer Exotik in sich, verschweigt
aber an keiner Stelle die deutlich erkennbare Verwandtschaft zu vertrauten Lakaien-Klängen. Und sie
verhilft der deutschen Sprache in der Geschichte der Lakaien zu einem ganz neuen Glanz: Während in
der Verbindung mit Ernst Horn die englische Sprache durchgehend dominiert, schimmert bei Veljanov
auch verbal ein Mehr an eigenen Wurzeln durch. Textlich finden wir den Brückenschlag zwischen
großer Politik und den ganz persönlichen Befindlichkeiten, wie sie jeder von uns das eine ums andere Mal
verspürt. Im Kleinen wie im Großen, wie oben so unten: Was das gebeutelte Land Makedonien an
Zerrissenheit und Zerrüttung erlebt hat, ist bezeichnend für unsere Welt und für jeden Einzelnen unter uns.
Nicht Einheit, Freiheit und Frieden sind unsere Natur – wir sind versprengte, vereinsamte und vereinzelte
Wesen, die sich schon seit Jahrtausenden vergeblich um innere Sicherheit bemühen.
Veljanovs Gesang ist von Leidenschaft durchzogen. Nicht diesem verkitschten Pathos, den Schnulzenmusik
uns aufdrängen will, sondern einer tiefen, glaubhaften Verbindung zum eigenen Tun. Er scheint weit weg
zu sein, wenn er das Mikrofon in der Hand hält, doch er zeigt uns auch: Hey, ich bin überzeugt von dem,
was ich da mache. Entscheidet selbst, ob ihr das auch seid. Nun würde nur ein Naiver glauben, in der
Musikbranche ginge es nicht auch um einträgliche Gewinne, doch Veljanov geht galant darüber hinaus:
Er wirkt authentisch und eben deswegen strömt sein Gesang mit Leichtigkeit durch den ganzen Leib,
man schließt die Augen und tanzt und es scheint das Selbstverständlichste von der Welt zu sein.
Nun begleitet das Tun dieses Mannes mich, seitdem ich meine ersten Schritte auf den Boden einer Tanzfläche
gesetzt habe. Er war dabei, als ich fünfzehn zur Rebellin wurde und mein Umfeld mit einem Lebensstil
schockierte, der sich von allem abhob, was meine provinzielle Heimatstadt kannte. Er blieb, als ich
meinen Weg ging, und er ist immer noch da, denn durch seine Musik bin ich mir selbst ein bisschen näher
und – hey, es muss mal gesagt werden – wenn er vor mir auf der Bühne steht, dann bin ich wieder siebzehn
und mir steht die ganze Welt offen. Ein bisschen schade finde ich, dass Alexander sich auf der „Porta Macedonia“ offenbar
in Bescheidenheit übt. Nur an wenigen Stellen entfaltet sich das umfassende Klangvolumen seiner Stimme, er nimmt
sich gegenüber Text und musikalischer Begleitung doch sehr zurück. Trotzdem bleibt den Zuhörern dieses warme,
leichte, zugleich heftige, eigentlich unbeschreibliche Gefühl, für einen Moment Teil von etwas ganz Großem zu sein.
Für mich als Germanistin und Autorin ist es eigentlich ein Armutszeugnis, für Veljanov eine Bestätigung:
Es gibt keine Worte, um seine außerordentliche stimmliche und persönliche Präsenz gebührend zu beschreiben.
Jedenfalls finde ich sie nicht – und mein Wortschatz ist recht groß. Er löst eben diese lähmende, schleichende
Krankheit aus: den Wunsch, ihn immer wieder und wieder zu hören und zu sehen. Heilung gibt es nicht.
Nur eine Linderung der Symptome, durch eine möglichst ständige Anwesenheit bei seinen gigantischen und
eigenwilligen Shows. Zustimmendes Nicken deshalb, wenn er singt: „Du gehst mit mir, hast mich erkoren“,
denn ein bisschen Veljanov steckt in jedem von denen, die ihn gern hören. In Gesprächen gibt der
verschlossene Sänger wenig von sich preis, doch wenn er seine Stimme erhebt – singend, klärend, flüsternd, belebend – dann
kommen wir dem, was vielleicht das Geheimnis der Schöpfung sein mag, einen Schritt näher. Er ist eine Droge, die ohne
Einstich durch die Adern strömt und auch die dunklen Stunden ein bisschen erhellt.
Zum Glück, meine ich, hat er den Weg als Künstler eingeschlagen und ist nicht Maurer oder Lehrer oder
Bankkaufmann geworden. Damit schenkt er der Welt etwas Großartiges und vermutlich mehr, als er selbst ahnt.
Mir selbst ist bewusst, dass ich mit diesem Artikel gegen sämtliche journalistische Grundsätze verstoße:
er ist nicht wertfrei, nicht objektiv und schon gar nicht sachlich. Aber über Musik schreiben, die selbst
nicht wertfrei und sachlich ist, kann vielleicht nur jemand, der die Verbindung zu seinem
eigenen wahrhaftigen Gefühl verloren hat.In jenem Moment, als auf dem Konzert die ersten Takte meines Lieblingslieds,
(das nicht Teil der „Porta“ ist), erklangen, war ich – um es mit
kleinmädchenhaft schwärmerischen Worten zu sagen – hoffnungslos für jede Art von kühler Sachlichkeit auf ewig verloren.
Vielen Dank, lieber V., für deinen erlesenen Musikgeschmack und deine Begleitung!
Du hast es vom Kauf der Karten bis zur Hinfahrt ermöglicht,
dass Velja nicht ohne mich singen musste und mir einen tollen Abend beschert! :-)