Kommentar: Modebloggen im Internet (05/10)Zunehmend etabliert sich im Internet ein merkwürdiges Phänomen, das sogenannte Modebloggen.
Junge Frauen präsentieren der Welt in Wort und Bild regelmäßig ihre Tagesoutfits und holen sich
von anderen Frauen, die dem Wahn ebenso verfallen sind, Komplimente und Tipps zur Optimierung der
äußerlichen Erscheinung. Der Leser stolpert über gestellte Posen und in Abendkleider gehüllte
Mädels auf High Heels vor der Wohnzimmerschrankwand, über Pyjama-Bilder mit dem Vermerk, die
Bloggerin läge gerade leider krank im Bett und sei deshalb so blass, und Verweise zu den Onlineshops,
in denen die vorgeführten Prunkstücke auf dem Leib und an den Füßen gekauft worden sind. Die ganz
Fortschrittlichen unter den Bloggerinnen verbringen ganze Wochenenden im Wald und auf der Wiese,
um Stücke aus der H & M – Kollektion ins stilistische Schema einer professionellen Modestrecke zu pressen.
Die Überschriften sind oft neckisch: „Wie stehen mir meine neuen Locken in Honigblond?“ oder
„Heute kleingemusterte Blümchen in pudrigen Pastellfarben“, und dann erfahren wir, warum die
Industriekauffrau aus M. beim Besuch der Omi braune Römersandalen zur Nietenclutch und top
angesagter Nerdbrille getragen hat. Eine Minute später wissen wir von der Studentin aus B., dass Espandrilles
in Knallfarben diesen Sommer das Rennen machen werden, weil Peeptoes, vor allem die in Erdtönen, an Glanz verlieren.
Das ganz eigene Vokabular täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass hier offenbar Menschen einen klitzekleinen
Schimmer Rampenlicht suchen, ohne ein besonderes Talent aufzuweisen. Die Fangemeinde wird hin und wieder mit
Gewinnspielen belohnt, bei denen man niedliche selbstgebastelte Herzstempel oder eine Gucci-Sonnenbrille gewinnen kann.
Hier zeigt sich der Kapitalismus mit seinem schnelllebigem Wettbewerb
und seiner Konsumgier in seiner Reinform:
Wem stehen die Haremshosen in gedecktem Taupe am besten? Wer kann den
billigen Modeschmuck am vorteilhaftesten zum klassischen Blazer kombinieren?
Wer findet am raschsten die schönsten Röckchen bei Esprit, Urban Outfitters oder Zara?
Die vielgepriesene Individualität sucht man jedoch vergebens: Zwar verirrt sich das ein
oder andere ausgefallene Teil vom Flohmarkt mal in dem stets präsenten Kleiderschrank der
ein oder anderen Trendsetterin, aber im Großen und Ganzen sieht man auf jeder Seite die gleichen
Farben, die gleichen Schnitte, die gleichen Accessoires. Die Kontostände der kaufwütigen Ladys
möchte man nicht kennen, ist aber auch schnurz, denn was nicht mehr gefällt, wird an die nächste
Modejägerin verkauft. Irgendwo findet sich immer eine, die sofort nach der Lektüre einen Strohhut
zum gepunkteten Bikini oder die Radlerhose mit Spitzenbündchen für den Kneipenabend braucht.
Gerade ist bei den Bloggerinnen ein Kleid zum absoluten Liebling aufgestiegen: Auf jedem zweiten
Modeblog findet sich eine Blonde, Brünette oder Rothaarige, die weiße Kätzchen auf marineblauem
Grund spazieren trägt: das Must-Have dieser Wochen, das den Charme einer Kittelschürze versprüht und
nicht mal als Kissen auf Omas Sofa noch etwas reißen könnte. Persönlichkeit und Geschmack spielen
keine Rolle mehr, wenn ein Stück einmal zum Highlight avanciert ist. Man will „in“ sein, nicht schön.
Die ganze Welt soll wissen, dass man selbst nachts unter der Bettdecke dem Trend folgt und nicht mal mit
vierzig Fieber rot und lila zusammen tragen würde. Denn die Konkurrenz ist groß und die Urteile sind hart:
Nicht mal mit viel Selbstbewusstsein, so rät es die Gemeinde der Klamottensüchtigen, darf eine Leggins unter dem Rock
getragen werden. Freilich nur, bis es die erste Todesmutige vormacht und ihr alle folgen wie die Lemminge, nun mit der
lebensnotwendigen Botschaft: Die Achtziger sind wieder da!
Selbst eingefleischte Internetuser bleiben bei so viel Offenheit etwas ratlos zurück:
Woher nimmt man regelmäßig die Zeit, zu erklären, warum man beim Wochenendeinkauf einen Rock
in angesagter A-Linie trägt oder dass man am Sonntagmorgen den Bäcker beim Brötchen holen mit
dem Anblick einer Stewardess-Uniform verwöhnt hat? Wer möchte wissen, was dort so geschrieben und
gezeigt wird? Und wo sind diejenigen, die noch über wirkliche Themen schreiben – Politik, Literatur, Gesellschaft und Kultur?
Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Bloggervirus nicht um sich greift und wir morgen ganz aufgeregt
vor dem Kleiderschrank stehen: Sollen wir wirklich diese weiße Carmenbluse mit der schokobraunen
Karotte und einem breiten Ledergürtel kombinieren? Oder doch lieber nochmal im Internet nachfragen,
ob das letzte Woche bestellte goldene Medaillon dazu passt? Oder trägt man schokobraune Karotten vielleicht
ganz und gar überhaupt nicht mehr?