Elizabeth Kostova: Der Historiker (05/10)
Schon mal zehn Stunden auf einem Kaugummi herumgekaut? Das Ding im Mund von der
einen Ecke in die andere geschoben, immer wieder, bis es jeglichen Geschmack
verloren hatte, hart und zäh wurde, fast bitter? Gelangweilte Blasen mühsam zwischen den
Lippen hervorgepresst, bevor auch dieses winzige Vergnügen sich entnervt der Langeweile ergab?
Diese Geschichte, die laut der Literarischen Welt Draculas Comeback sein soll,
liest sich genau so, wie geschmackloses Bubblegum sich kaut. Wenn das Erbe Vlad
des Pfählers, historisches Vorbild für den blutgierigen Herrn der Vampire,
tatsächlich in diesem 2005 erstmals veröffentlichten und inzwischen sechsmal
aufgelegten Roman steckt, dann kann der berüchtigte Heerführer der Walachei
nur ein laues Lüftchen auf das Schlachtfeld gebracht haben. Selbst für einen
schnellen und routinierten Leser sind die gut 800 Taschenbuchseiten eine einzige
Quälerei. Für heimliche Fans vampirischer Nachtgestalten könnte der Roman gar
eine herbe Enttäuschung gewesen sein.
Die Story ist simpel: Professor deckt Geheimnis um den äußerst
lebendigen Blutsauger-Grafen auf und verschwindet spurlos, nachdem
er seinem Zögling, dem Doktoranden Paul, davon erzählt hat. Doktorand
Paul begibt sich auf die Suche und verschwindet Jahrzehnte später ebenfalls
spurlos, nachdem er seinem pubertierenden Töchterlein von der Sache berichtet hat.
Das Töchterlein macht sich mit dem angehimmelten Schwarm Barley gleichsam auf die
Suche nach Mentor und Vati und steckt das gepuderte Näschen in staubige Bibliotheken.
Es folgt ein sich gähnend dahinziehendes Einerlei von Geheimnissen, die erzwungen
düster wirken sollen, durchschaubar chiffrierten Briefe und einer Handvoll Blutstropfen,
über die des nachts fledermausartige Schatten hinweghuschen. Die Story wirkt so mühsam
konstruiert, weil Erzählung des Vaters und der Tochter sich hübsch regelmäßig abwechseln,
ohne dabei jedoch das große Ganze im Auge zu behalten. Von sich hochschaukelnder
Spannung kann dabei keine Rede sein.
Nach dreihundert Seiten ist immer noch nichts Nennenswertes passiert.
Die Autorin scheint weder von geschickt wechselnden Erzähltechniken noch
von an- und abschwellenden Spannungsbögen oder der Möglichkeit, erzählte Zeit bewusst
zu raffen und zu dehnen, viel zu halten. Gleichförmig und monoton fließen sowohl die
Handlung als auch das vergossene Blut in einem trägen Strom dahin. Und je weiter die
Geschichte fortschreitet, umso weniger ist man auf das Kommende gespannt.
Die geschichtlichen Hintergründe, obgleich eigentlich interessant, sind
rascher und unterhaltsamer im Lexikon nachzulesen. Die Schilderungen fremder Länder,
Kulturen und Landschaften reizen nicht einmal dazu, sich näher damit zu beschäftigen,
sie sind so blutleer wie der ehrenwerte Graf, nach dem in Bibliotheken, Museen und
Universitäten gefahndet wird. Es ist einfach von allem zu viel: zu viele Schnörkel
in der Sprache, zu weit ausholende Erklärungen, zu detailliert beschriebene Szenen,
zu viele grimmige Blicke lebender Toter, zu viel Knoblauch und zu viel Folter für
einen Leser, der Action liebt oder sich doch zumindest daran erfreuen möchte, die
eigene Fantasie einzubringen. Außerdem zu viele „rein zufällige“ Begegnungen, zu
viele plumpe Reliquien (ein Buch als Corpus delicti – kann man sich das vorstellen?),
zu viele Klischees mit der weiblichen Reisebegleitung, die der Herr Doktorand später flachlegt, obwohl
auch sie von zu viel Geheimnis umgeben zu sein scheint.
Fade und schade, das Ganze. Schade deshalb, weil das klassische Thema der seit vielen
Jahrhunderten lebendiger Vampirlegenden und insbesondere der Dracula nach dem Vorbilde
Bram Stokers genug Stoff geboten hätten, um ein vor Leidenschaft glühendes, vor Spannung
pulsierendes, heftiges, kunstvoll verstricktes, atemberaubend spektakeliges Neuzeitdrama
mit reichlich wonnigem Grusel zu entwerfen. Stattdessen kriegen wir von dem stolzen Grafen
nur einen staubigen Flügel zu sehen und verlieren angesichts des riesigen Blablas die Lust,
überhaupt noch zu erfahren, wo der Professor und sein ehemaliger Doktorand stecken.
Viel lieber möchte man wissen: Wo stecken die über eine Million Leute, die das
Buch gekauft und mit Begeisterung verschlungen haben?