T. C. Boyle: Ein Freund der Erde (05/10)
Ty Tierwater ist ein alter Mann. Während er in den Achtzigern als militanter Ökoaktivist war,
muss er nun, am Ende seines Daseins, erleben, wie die Erde mehr und mehr zum bemitleidenswerten
Opfer menschlicher Machenschaften geworden ist. Zahlreiche Tierarten sind ausgestorben, Wein wird nur
noch aus Reis und nicht mehr aus Trauben gekeltert, die Welt ist hoffnungslos überbevölkert und die
Mächtigen und Reichen beuten Mutter Erde mehr und mehr hemmungslos aus. Der gealterte Umweltschützer
versucht im Rahmen seines Jobs für einen berühmten Popstar, bedrohte Tierarten vor der Ausrottung zu
bewahren und sieht sich mit einer Naturkatstrophe konfrontiert, die nicht nur die letzten Schnipsel
seines Daseins auslöschen, sondern auch die Tiere zu töten drohen. Inmitten dieses Chaos platzt seine
ehemalige Gattin, eine Reporterin im Schlepptau, die eine Biografie über Tys tote Tochter schreiben wollen.
Tierwater erzählt uns seine Lebensgeschichte, immer wieder fließen in die Jetztzeit Erinnerungen und
Rückblenden ein. Der Rettung der Erde hatte er sich einst verschrieben – und er hat ihr alles geopfert:
seine Freiheit, das geregelte Leben eines unbescholtenen Bürgers – stets drehte sich alles für ihn darum,
die Natur, Tiere und Pflanzen zu schützen. Während einer friedlichen Demonstration gegen die Rodung eines
Waldes zu Wirtschaftszwecken wird Ty schließlich festgenommen und man entziehtdem Witwer seine Tochter mit
der Begründung, er sei als Vater ungeeignet. An diesem Punkt seines Lebens verliert Ty den Kontakt zum Boden:
Er nimmt uns mit auf seine abenteuerliche Entführungsaktion und ein Leben im Untergrund. Es folgen Jahre als
Flüchtling, Vertriebener, Illegaler. Die große Wunde in seinem Herzen hat jedoch einen anderen Ursprung: Seine
Tochter, die voller Überzeugung in seine Fußstapfen trat, kommt bei einer spektakulären Aktion ums Leben.
Seither ist nichts mehr für ihn, wie es war. Und Ty kommt an den Punkt, wo er sich fragt: Wofür das alles, um Himmels willen?
Der Roman ist wunderbar geschrieben. Er steckt voller Tragik und Humor. Obgleich die gezeichnete Zukunftsvision
eine erschreckende ist, kommt man doch nicht umhin, an dieser und jener Stelle zu lächeln, zu kichern und zu glucksen.
Hier werden mehrere Traumata aufgearbeitet: der Verlust des einzigen Kindes und zuvor der geliebten Ehefrau, die
Zweifel, die einen Menschen überkommen, wenn der Preis für sein Engagement unerträglich hoch wird. Ty möchte seine
stinkenden Löwen und die Hyäne Lily retten – aber er will auch sich selbst retten, indem er sein Leben Revue passieren
lässt und sich fragt, welchen Sinn und Zweck es wohl gehabt haben mag. Deutlich erkennbar ist der – nicht immer
erklärbare – Trieb, sich für die Erhaltung der Natur mit aller Kraft einzusetzen. Während alle um ihn herum Karriere
gemacht und das große Geld in der Wirtschaft verdient haben, hält Tierwater störrisch an seiner Vorstellung von einer
möglichen besseren Welt fest – nicht illusorisch, denn er weiß bereits in den Achtzigern, dass es zu spät ist – aber
doch mit einer bemerkenswerten Willenskraft. Als sich sogar die eigene Organisation von ihm abwendet, weil Spenden aus
der zerstörerischen Wirtschaft lukrativer sind als einsame Demos ohne jedes Presseecho, schraubt er munter und halsstarrig
weiter an den Baumaschinen herum oder legt Feuer, um deutliche Signale zu setzen. Sein unerschütterliches Durchhaltevermögen,
das seiner Tochter ein ernst zu nehmendes Vorbild ist, trägt letztendlich (vielleicht?) zu ihrem Tod bei – das ist das Bittere,
das Paradoxe. Und der zerknirschte Tierwater mit seinen Löwen im Schlepptau wird keineswegs als schillernder Held gemalt,
er ist ein zweifelnder, brummiger, zuweilen zynischer alter Bock, der nochmal einen ordentlichen Stich landen will,
bevor er den Löffel abgibt: Gerade deshalb muss man diesen Kerl einfach klasse finden. Er kämpft auf seine Weise gegen Windmühlen,
ein kleines Licht ohne jede Chance, gehört zu werden. Denn sind nicht auch die Medien große Wirtschaftskonzerne, und ist nicht ihre
unfaire Berichterstattung Symptom einer Welt, in der Stimmlose und Schwache nicht gehört werden?
Boyle spickt seine unterhaltsame und an keiner Stelle langweilige Erzählung mit allerlei gesellschaftskritischen
Seitenhieben. Er scheint gleichzeitig in Frage zu stellen, wofür er sich ausspricht: So werden die letzten auf
dieser Erde lebenden und von Tierwater geretteten Löwen – ausgerechnet – zu einer tödlichen Falle. So stirbt
seine Tochter Sierra buchstäblich während ihres Kampfes für einen Baum und gemeinerweise erscheint nicht ein
einziger Baumgeist und auch kein Lieber Gott, um das selbstlose Mädchen zu retten. So bringt ihn sein Kampf für
die Natur für lange Jahre in den Knast, nur damit er die Zeit, die er dort zu verbringen gezwungen ist, damit
verbringen kann, neue Pläne zu schmieden.
Dieser schmale Grat der Widersprüche zieht sich durch das ganze Buch, und zwar konsequent bis zum Ende,
denn auch dort wird die Frage nicht beantwortet, die dem Leser auf der Seele brennt: Warum, verdammt nochmal,
wofür das alles? Und trotzdem möchte man sofort nach der Lektüre losziehen, Rohrzange, Steckschlüssel,
Handschuhe und eine Drahtschere im Rucksack, die Mütze tief in die Stirn gezogen, um eine dieser Baustellen
zu zerstören, auf der die ökonomische Elite dieser Erde ihren Reichtum auf Kosten der Natur noch weiter vergrößert.
Ganz großartig, diese Hommage an jeden ehrlichen Naturschützer dieser Welt, von denen es viel mehr geben sollte.