George Weinberg: Wie der Sinn ins Leben kam (04/10)„Eine Fabel von Menschen. Vom Glück, und von der Kostbarkeit der Zeit“, so lautet der
Untertitel dieses kleinen Büchleins aus dem Jahr 1988, das ich vor einigen Wochen in einem
Lokal nahe der ehemaligen Zisterzienserabteikirche in Fürstenfeldbruck gefunden habe.
Es stand in einem Regal zwischen vielen anderen Büchern, die zum Mitnehmen und Tauschen
angeboten wurden, und lächelte mich geradezu an, als ich die Buchrücken rasch überflog,
während mein Begleiter einen Tisch reservieren wollte. Das Büchlein ist in 21 Kapitel eingeteilt,
in denen eine Geschichte von den Zahlen erzählt wird, die in ihrer eigenen Welt fernab der unseren leben.
Ihr Dasein ist, so meinen sie, ewig und unvergänglich, in ihrer Gemeinschaft herrschen Frieden und
eine gewisse geruhsame Gleichgültigkeit. Die Neun, ein aufmüpfiger Zeitgenosse schaut aber über den
gewöhnlichen Horizont hinaus und entdeckt nicht nur seine Liebe zu den Menschen und der kleinen
Mathematikerin Elisabeth, sondern begibt sich auch auf die Suche nach dem Sinn eines ewigen Lebens.
Ihm stellt sich die Frage, ob die Zahlen tatsächlich unsterblich sind. Den Hütern seiner Gemeinschaft –
großen und bedeutenden Zahlen ist seine Suche ein Dorn im Auge, führt sein Engagement doch unter den
bisher gleichmütigen Zahlen zu Angst, Unfrieden und einer recht lebendigen Diskussion. Die unbeirrbare
Neun begibt sich auf eine spannende Reise und nimmt mit Elisabeth Kontakt auf. So lernt sie Sinn und
Schönheit der Vergänglichkeit kennen und erfährt überdies die Wahrheit über das angeblich ewig währende
Dasein der Zahlen...
Auf sehr ansprechende Weise macht uns der Autor hier klar, wie wertvoll die Momente unseres Lebens sind,
und dass ein Leben in Ewigkeit ohne Höhen und Tiefen keineswegs erstrebenswert sein kann, bleibt es doch
blass angesichts der öden Endlosigkeit. Aber auch die typisch menschliche Tendenz, alle Dinge nur aus dem
eigenen, oftmals sehr engen Blickwinkel zu betrachten, wird thematisiert. Wer das Buch aufmerksam liest
und sich auf die Geschichte, die süß wie Schokolade und dabei sehr tiefsinnig ist, einlässt, wird einen
Aha-Effekt verspüren: Ja, das Leben ist kostbar, denn es zerrinnt uns zwischen den Fingern. Aber genau
diese Endlichkeit ist es, die das Abenteuer in sich trägt – und der Wunsch nach Unsterblichkeit kann nur
absurd sein, angesichts der Wertlosigkeit, die sie automatisch mit sich bringt.
Ich habe die widerspenstige, ewig fragende Neun, die in heftiger Zuneigung zu Elisabeth entbrannt ist,
sofort liebgewonnen. Und ich erinnere mich gern an den Tag, als ich das Buch entdeckte: Auf dem Parkplatz
des ehemaligen Klosters wartete das kleine Cabrio auf uns, mit dem wir durch einen lauen Frühlingsabend
brausten. Bis in die Haarwurzeln gespannt saugte ich während dieser Fahrt jeden neuen Eindruck in mich auf,
bis mein Herz bis zum Bersten gefüllt war. Wehendes Haar, während die Sonne am Horizont langsam unterging,
mehr Neues um mich herum, als ich aufnehmen konnte. Im Seitenspiegel erblickte ich mein eigenes seliges Lächeln,
das kleine zauberhafte Büchlein im Schoß und die Augen groß und staunend. Der Moment, als ich das Büchlein fand,
war genau der Augenblick, die im Buch als so kostbar beschrieben werden, einmalig und wunderbar – im Einklang mit
der ganzen Welt an diesem Tag. Wenn das mal ein Zufall war...