William Paul Young: Die Hütte (04/10)



Mackenzie Allan Philipps ist am Tiefpunkt seines Lebens angelangt: Seit der Entführung und mutmaßlichen Ermordung seiner kleinen Tochter vor vier Jahren während eines Familienausflugs hat ihn die „Große Traurigkeit“ fest im Griff: Seine Lebensfreude ist verschwunden, seine Tage sind erfüllt von Schmerz und Verzweiflung und er findet keinen Zugang mehr zu seiner Frau, seinen Kindern, seinen Freunden. In dieser schweren Zeit erhält er von Gott eine Einladung in die Hütte, in der vor Jahren die letzte Spur seiner kleinen Missy gefunden wurde. Obwohl er sich von Gott abgewandt hat, folgt er dieser Einladung und erlebt ein Wochenende, das ihn völlig verändert.

Gott offenbart sich in Gestalt einer dicken, humorvollen Afroamerikanerin, eines energiegeladenen Zimmermanns und einer ätherisch erscheinenden Asiatin. Mackenzie unternimmt mit ihnen Ausflüge, führt innige Gespräche, stellt viele Fragen und geht mehr und mehr in sich. Schrittweise eröffnet sich ihm eine ganz neue Sichtweise. Wut und Zorn entladen sich, Traurigkeit und Schwermut finden Heilung, ihm erschließt sich Sinn, wo vorher nur eine dunkle Leere in seinem Inneren herrschte. Mit dem strengen Vater aus der kirchlichen Lehre hat dieser Gott nichts gemeinsam: Er begleitet Mackenzie liebend und tröstend auf seinem Weg zu Erfüllung und innerem Frieden.

Young arbeitet in Ermangelung einer entsprechenden Darstellungsmöglichkeit mit zahlreichen Metaphern. So werden das Innere eines Menschen zu einem verwilderten Garten, Emotionen zu Farben und das Vertrauen in den eigenen Glauben zu der Fähigkeit, in menschlicher Gestalt über das Wasser zu laufen. Tränen werden in einer Glasphiole aufgefangen, um nachher den Boden für einen üppigen Lebensbaum zu bereiten. Die ganz bekannten Symbole sind ebenfalls vertreten: Das fließende Wasser als Sinnbild der Seele, die Dunkelheit und das Licht als elementare Gegensätze, Geschenke als hilfreiche Gabe Gottes, die bei den schweren Aufgaben helfen, die zu bewältigen sind. Nicht neu, aber offenbar beliebt bei Autoren wie Lesern.

Für überzeugte Atheisten ist es vermutlich schwer, sich auf den Roman einzulassen. Die Theodizee-Frage beantwortet Young in der Tat auch nur unzureichend, denn eine wirklich befriedigende Beantwortung der Frage, warum ein allmächtiger und gütiger Gott so viel Böses in der Welt zulässt, kann es gerade am Beispiel der brutalen Ermordung eines unschuldigen Kindes wohl kaum geben. Schlüssig wird die Erklärung aus diesem Grund nur, wenn man erhebliche Abstriche in der Deutung von Logik und Sinn in Kauf nimmt und bereit dazu ist, den eigenen Zweifel im Kopf auszuschalten.

Auch die Vergebung gegenüber dem Täter erscheint allzu leicht ausgesprochen. Die alte Geschichte von dem Bösen und dem Guten in der Welt ist ein Mal zu oft bemüht worden, sie liest sich etwas schal. Für die - mittlerweile inflationär verwendete - Erzählung von der Vertreibung der ersten beiden Menschen aus dem Paradies gilt das gleiche. Die Grundidee des Romans hätte das Potential gehabt, eine ganz neue und erfrischend unchristliche Sichtweise zu liefern, aber das lag der Intention des Autors vermutlich eher fern. So bleibt das Buch mitten in seiner ungewöhnlichen Geburt stecken und bringt die Nase nur zum Schnuppern an die Blümchen, deren altbackenen Duft wir seit zwei Jahrtausenden sowieso riechen.

Die allzu biblischen Stereotype findet sich leider hin und wieder auch in der Gestaltung der Figuren: Die dicke Afrikanerin mit dem großen Herzen drückt Leser und Hauptfigur an ihren großen Busen, die Hände voller Mehl und ein strahlendes Lächeln im Gesicht, liebt sie doch jeden von uns "ganz besonders". Die ätherische Asiatin, in der unschwer der Heilige Geist zu erkennen ist, wird als gestaltlich kaum fassbar hingestellt. Sie wabert und nebelt vor sich hin und vergisst dabei, sich wenigstens dem Anschein nach um ein bisschen Körperlichkeit zu bemühen. Und den Zimmermannssohn, der hart anpacken kann und sich für die Sünden der Menschen geopfert hat, den kennen wir ja. Er ist uns in dem Buch sympathisch, vermag den religiösen Hintergrund aber damit auch nicht in menschlich nachvollziehbare Gefilde zu transportieren. Der alles andere als dezente Hinweis auf die Mission der dreifaltig auftretenden christlichen Gottheit wirkt - mit Verlaub gesagt - reichlich aufdringlich. Trotzdem bleibt die Vorstellung, jemand säße scherzend und lachend mit Gott am Frühstückstisch und knabbere unbeschwert ein Marmeladenbrötchen, während sich das Gespräch um universelle Gesetzmäßigkeiten dreht, verführerisch.

Hier und da schmälern esoterisch verkitschte Vorstellungen das Lesevergnügen und die tiefsinnigen Dialoge wirken zuweilen zwanghaft in die eher marginale Handlung eingebettet. Dadurch erscheint der Roman einstweilen so, als wäre er ein Drama in üppigerem Verbalkleid. Vielleicht ist dem Autor aber auch nur die elegante Einbettung der Gespräche in das epische Gesamtwerk nur deshalb nicht ganz gelungen, weil er einfach viel zu viel hat mitteilen wollen. Der Fokus liegt nämlich eindeutig auf den Inhalten der Gespräche mit Gott - die Geschichte drumherum ist nur Beiwerk und Anlass, um die eigenen Begegnungen mit dem Herrn, die William Paul Young nach eigener Aussage selbst erfahren hat, schildern zu können, ohne eine autobiografische Schreibweise zu bemühen. Dazu passt auch die Betonung der Herausgeberfiktion, die dem Leser bis zum Schluss weismachen möchte, das Ganze sei der überlieferte Bericht eines Freundes, der es wirklich erlebt hat, freilich mit einem Augenzwinkern. Eine christliche Prägung des Autors ist unübersehbar, was den erhobenen Anspruch auf weitreichende und religionsunabhängige Interpretationen für ungültig erklärt.

Nichtdestotrotz: Die Gott-Figuren sind an einigen Stellen auch tatsächlich originell und manche ihrer Aussagen wirken in sich wahrhaft geschlossen, besonders, was die übergroße Bedeutung menschengemachter Regeln, den typisch menschlichen Wunsch nach Macht und Kontrolle sowie die Beziehungen untereinander betrifft.

Sehr gut nachvollziehbar geschildert sind die Gedanken und Gefühle der Hauptfigur, angefangen bei der vergeblichen Suche nach der verschwundenen Tochter, über den eigentlich unbeschreiblichen Schmerz, der auf den Verlust eines Kindes folgt, bis hin zu dem Erstaunen, das einen wohl überkäme, wenn absurde und unvorstellbare Situationen Realität würden. Mackenzie ist ganz und gar menschlich - und damit jemand, in dem der Leser sich gut hineinversetzen kann.

Der Roman ist gähnend langweiligen Predigten in dunklen Kirchen allemal vorzuziehen. Wer Gott bereits hat, wird ihn hier als alten Bekannten in neuem Kleid begrüßen. Wer Gott wirklich will, wird ihn hier vielleicht finden und mit einem Gefühl von Hoffnung und Heiterkeit den Buchdeckel schließen. Wer Gott verneint, kann sich an einer fesselnd geschriebenen Geschichte voller Farben, und sprachlicher Schönheit erfreuen. Ein positiver Impuls bleibt so oder so oder so.