Die Regierung lernt dazu: Lektion Umgangssprache (04/10)
Drei Menschen sind tot und hinterlassen trauernde Familien,
Entsetzen bei den Menschen und gewaltigen Zorn bei der Mehrheit der
Bevölkerung, die den Einsatz in Afghanistan ohnehin ablehnt.
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gestand diesem Einsatz gestern
in einer Rede zu, als Krieg bezeichnet zu werden, freilich lediglich „umgangssprachlich“.
Die Umgangssprache oder Alltagssprache ist im Gegensatz zur Standardsprache die Sprache,
die im täglichen Umgang benutzt wird, so lehren es die Lexika. Sie bringt auf den Punkt,
wo geschliffenes Hochdeutsch beschönigend, abmildernd, nichtssagend oder zweideutig daherkommt:
Umgangssprachlich sind Menschen ohne festen Wohnsitz Penner, auf Gehwege kackende
Hunde Scheißköter und die Magermodels auf den Laufstegen dieser Welt hässliche
Bohnenstangen. Denn bezeichnend für die Umgangssprache sind schonungslose Direktheit und
etwas, was des Merkel-Clans Liebling nicht ist: Wahrheit.
Nun wird der bewaffnete Konflikt, den die deutsche Regierung seit Jahren widerrechtlich forciert,
endlich zu einem Krieg. Und weiter, Herr zu Guttenberg? Sprechen wir es doch aus:
Umgangssprachlich ist das jüngst bei Kundus geschehene Scharmützel, bei dem drei
Deutsche starben, acht verletzt, vier davon schwer und „aus Versehen“ sechs Afghanen
getötet wurden, ein sinnloses Gemetzel, hinter dem politische Gründe stehen, etwa das Ziel,
die blühende Rüstungsindustrie weiter auszubauen oder die Menschen mit dem Schüren der Angst
vor Terror von der korrupten und neoliberalen Politik der deutschen Bundesregierung abzulenken.
Umgangssprachlich wird der Angriff der Taliban aus mehreren Richtungen, der in einem Feuergefecht
und einem Anschlag mit Sprengfallen mündete, zu einer kläglichen Ausrede, um die gegen das
Völkerrecht verstoßenden Kriegseinsätze weiterzuführen. Umgangssprachlich sind die vielen
zivilen Opfer, die es in der Vergangenheit in Afghanistan gegeben hat, Pechvögel, die zur
falschen Zeit am falschen Ort waren. Umgangssprachlich bezeichnen wir die Bundeswehrsoldaten,
die seit 2003 im Rahmen der Isaf in der nordafghanischen Provinz stationiert werden, um
angeblich für Sicherheit, Stabilisierung und den Wiederaufbau zu sorgen, schlicht Handlanger
einer militärisch von Teufel besessenen Regierung. Umgangssprachlich gilt die neue Strategie
Deutschlands, das Kontingent weiter aufzustocken, anstatt endlich das Land zu verlassen, als
gnadenloser Wahnsinn. Und das, was der Generalbundesanwalt zu einem „ausgesprochen ärgerlichen“
Vorfall erklärt, würde umgangssprachlich wohl als bewusst von Merkelland in Kauf genommener Mord benannt werden.
Trauerfeiern, vor allem, wenn sie in pompösem Rahmen zelebriert werden, laufen stets unter der Verwendung
der korrekten Standardsprache ab. Regierungsvertreter loben großspurig den Einsatz der mutigen Soldaten
und bedauern die Familien mit kühlen, aber souverän gesprochenen Worten. Man könnte diese beleidigende
Show zu Ehren der „Gefallenen“ umgangssprachlich auch als infame Heuchelei bezeichnen. Die herrschenden
Imperialisten betrauern selbstgemachtes Elend – umgangssprachlich wohl ein Witz. Allerdings keiner, über den man lachen kann.
Zu Guttenberg hatte im November behauptet, der Konflikt in Afghanistan sei
völkerrechtlich kein Krieg. „Bewaffneter Konflikt“, wie der zuvor als Stabilisierungseinsatz
propagierte Kreuzzug der größenwahnsinnigen Regierung Deutschlands genannt wurde, klang ab
Februar der Wahrheit schon einmal ein Stück näher. Nun fordert der Verteidigungshampelmann (rein umgangssprachlich) zu
Guttenberg geradezu dazu auf, seine Amtsbezeichnung umzubenennen: Vom Kriegsminister darf
hier die Rede sein. Oder, Herr Schlechttenberg? Die Anfänge, sprachlich passende Wendungen zu
benutzen, ist ja nun gemacht. Vielleicht sollte die adlige Herrschaft noch ein bisschen
zusätzliche Nachhilfe in Linguistik nehmen:
Menschen, die etwas sagen, von dem sie wissen, dass es nachweislich nicht der Wahrheit
entspricht, nennt man hierzulande Lügner. Natürlich – nichts für ungut, Herr Minister – nur umgangssprachlich.
Das Foto stammt von der Website des ZDF.