Frohe Ostern, liebe Missbrauchsopfer! (04/10)
Wem galt der päpstliche Segen an diesem Ostersonntag?
Den Kirchenvertretern, die sich seinerzeit an wehrlosen Kindern vergangen haben sollen?
Oder den Opfern, die erst nach Jahren den Mut fanden, sich an die Öffentlichkeit zu wenden?
Ersteres scheint der Fall zu sein:
Mit dem Segen Urbi et Orbi wird nach der katholischen Lehre allen, die ihn hören oder
sehen und die guten Willens sind, ein vollkommener Ablass ihrer Sündenstrafe gewährt.
Es ist ja auch so einfach: Hose wieder hochgezogen, dem Kind noch schnell mit einem warnenden Hinweis
über den Kopf gestreichelt,
den päpstlichen Segen empfangen – und schon erstrahlen die ergrauten Herren in den
festlichen Gewändern in blütenweißer Reinheit. Eine andere Interpretation scheint
kaum möglich, weist der Vatikan doch jede Kritik am Papst und seinem Schweigen zu den
Vorwürfen nach wie vor als „Diffamierungskampagne“ zurück.
Ein zweiter Schlag ins Gesicht nach den Erlebnissen in der Kindheit mit dem netten Pfarrer von
nebenan dürfte nun die Predigt an diesem Osterfest gewesen sein. Während sich die jubelnden
Anhänger des Katholizismus weltweit auch in diesem Jahr über die Auferstehung Jesu freuten,
freuten sich die katholischen Würdenträger über die aufsässigen Ehemaligen und ihre ärgerlich
vorwurfsvollen Geständnissen überhaupt nicht. So erklärte Angelo Sodano, Dekan des Kardinalskollegiums,
anlässlich der österlichen Massenfete, man werde sich von dem „unbedeutenden Geschwätz dieser Tage“
nicht beeinflussen lassen. Warum sollten sich die katholischen Saubermänner auch den Tag versauen lassen,
nur weil einige Menschen meinen, sie müssten über so ein bisschen frivoles Gefummel im Beichtstuhl jammern?
Es doch ungefähr zehntausend Jahre her! Gesehen hat es auch keiner! Falls eins der weißen Priesterschäfchen
sich wirklich als schwarz entpuppte, hat man es sofort in die Pampa geschickt, damit das Deckmäntelchen des
Schweigens sich galant in einen schalldichten Ganzkörperanzug verwandelt, der ja nur nichts von dem heiligen
Dreck nach außen sickern lässt. Und überhaupt – sollen wir uns nicht lieben und mehren? Außerdem haben Kinder
eine blühende Phantasie – der Herr wird ihnen die Wahrheit früher oder später schon einbläuen.
Und wenn der es nicht allein schafft, wird ihm Hilfe von eifrigen Bischöfen zuteil!
Die Sünden der bösen Onkel in Soutane sind nun also vergeben. Der Segen des Papstes und sein Plädoyer für
Solidarität und Frieden am Ostersonntag 2010 rief Jubel bei den Menschen auf dem Petersplatz hervor.
Vergessen sind die behaarte Hand im Schritt kleiner Jungen, der Geruch von Schweiß und Gier, der
sich mit Weihrauch und dem abgestandenen Mief schattiger Gotteshäuser vermischt haben muss,
bis die Opfer mit ekelverzerrtem Gesicht die Luft anhielten, stumm darum bittend, es möge
schnell vorüber sein. Nur „unbedeutendes Geschwätz“ sind die Erinnerungen an zwischen blassen
Lippen hervor gepresste Warnungen und das wundersame Auflösen der Hilferufe im Nichts des
Kirchenbetriebs, nachdem man den Mut gefunden hatte, um Unterstützung zu betteln. Seit
Jahrhunderten schmecken treue Kirchgänger Oblaten und Wein auf der Zunge. Die ehemaligen Kinder,
deren verwirrtes Gerede die Auferstehungsfeier gefälligst nicht zu stören hat, hatten vielleicht
an größeren Dingen zu würgen. Die größeren Brocken muss man halt tapfer schlucken, denn erlegt der
Herr nicht jedem von uns sein Päckchen auf die Schultern?
Die Kirche spendet nach eigener Aussage Schutz und Sicherheit all jenen, die ihrer bedürfen.
Womöglich schließt das jedoch die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft aus. Kaum vorstellbar,
dass der Erlöser, dessen Mission mit halsstarrigem Schweigen von der Loggia des Petersdoms aus in
Frage gestellt wird, davon sonderlich begeistert gewesen wäre. Pädophile oder gewalttätige Neigungen
sind zumindest, was den historischen Jesus von Nazareth betrifft, nicht überliefert.
Aber egal: Ob Pater XYZ aus Kleinkleckersdorf sich an den Kids vergreift, Monsignore Mixa prügelt,
Seine Heiligkeit Papa Joe dazu die Klappe hält oder Kardinal Sodano den Skandal mit verächtlicher
Überheblichkeit vom Tisch fegt: Gott liebt uns alle, sind wir doch nach seinem Bild erschaffen.
Und was soll schon groß passieren, wenn die Reise ins Fegefeuer ansteht? Ostersonntag ist vorbei,
der Segen ist gesprochen, der Ablass besiegelt. Und wie sagte Hunter S. Thompson einst?
"In einer blockierten Gesellschaft, wo jeder schuldig ist,
ist es das einzige Verbrechen, sich erwischen zu lassen!“