Im Zoo (03/10)
Über unsere Regierungen der letzten Jahre kann man sagen was man will:
Ob rot-grün, ob schwarz-gelb, ob puderpink-gestreift: Die Damen und Herren
verzapfen zwar am laufenden Band Mist, aber eins sind sie doch durchgehend: tierlieb!
Da wurde den Heuschrecken aus dem Ausland mit marktfreiheitsheischenden Gesetzen
Asyl gewährt und vergessen, dass die schon im alten Ägypten zu einer Plage mutierten.
Nachdem die alles ratzekahl gefressen hatten, kümmerten sich die Zirkusdirektoren
unserer Regierung um mehr Nahrung und die kleinen Bürgerwürmer ächzten unter der
Last von Rentenkürzungen, Steuererhöhungen und sinkenden Löhnen.
Die Ratten in den Landesregierungen bekamen im Zuge der Föderalismusreform mehr Entscheidungsgewalt,
etwa in Bildungsfragen, zugeschanzt, damit sie ihre Lebensberechtigung unter Beweis
stellen konnten, weiß doch jeder, dass Ratten explosive, raffinierte Geschosse sind,
die die Pest oder das Turboabitur im Gepäck tragen. Die Großkonzerne, die mit der Eleganz
eines Killerwals die Gesellschaft auf den starken Rücken trugen, bis auch der letzte
kleine Fisch von Wind und Wetter des Marktes über Bord geworfen war, wurden mit Steuergeschenken,
Subventionen und anderen Häppchen verwöhnt und verschwanden damit auf Nimmerwiedersehen
in den Tiefen des wirtschaftsliberalen Weltenmeeres. Manch ein Manager-Känguru stopfte
sich auch noch den Bauchbeutel voll, nachdem der Zoodirektor es längst dabei ertappt
hatte, wie es den ganzen Zoo in Brand gesteckt hatte, die Scheinchen im Säckchen, die
Füßchen hoppelnd, raus aus dem Land, in dem zwanzig Stunden am Tag schlafende Koalabären regieren.
Ein Highlight war das tagtägliche Spektakel in der Marktarena: Die Coyoten und Hyänen
waren zu feige, sich gegenseitig anzugreifen, deshalb fielen sie über die in Käfigen
eingesperrten Hasen her, um sie genüsslich zu reißen und sich an den Fleischfetzen
gütlich zu tun. Die Hasen, die überlebten, wurden, um sich wieder zu erholen, rund
um die Uhr mit Massenmedien beschallt, um für die nächste Jagd gerüstet zu sein.
Deshalb wissen die Kleinunternehmerhasen, dass die Politik immer auf die Raubtiere
setzt, die Arbeitnehmerhasen wissen, dass leistungsstarkes Wegrennen bis zum Tod
zumindest diesen ein wenig verzögert und die Leistungsempfängerhasen wissen, dass
alles Jammern nichts bringt: Sie werden ja doch gefressen. Es wurde dafür gesorgt,
dass die armen dummen Schweine aus dem Volk nicht zu dick werden und an einer
Fettleber sterben – gutherzig mahnte Tierpfleger Müntefering einst in der Diskussion um
den Hartz-IV-Futternapf: „Nur wer arbeitet, soll auch essen“, und eröffnete damit
gleich eine neue Folge der lustigen Zirkusvorstellung, in der die Pferde, die den
imposantesten Puschel auf dem Kopf tragen und am lautesten wiehern, auch die meisten
Zuckerstückchen kriegen.
Artfremden Gattungen wird seit Jahr und Tag die Einreise in den deutschen Zoo erschwert,
könnten sie doch den Urbewohnern der Ställe die ein oder andere Nuss wegnehmen und selbst essen,
ausgenommen natürlich die Heuschreckenschwärme, die mit großem Hallo ins Land geholt wurden.
Und die ganzen Kakerlaken der Unterschicht, denen zeigt man unmissverständlich, wo ihr Platz ist:
im Keller, in dem es keinen Wohlstand, keine Bildung und keine Chancen gibt. Was soll man mit dem
Ungeziefer auch sonst machen? Um sie auszurotten, sind es zu viele. Kaum vorstellbar, die
Invasion von Millionen Kakerlaken, die für ihre Rechte ausschwärmen. Aber die Gefahr besteht nicht,
schließlich haben Insekten viel kleinere Gehirne als Zoodirektoren oder Hyänen. Für die Heerscharen
deutscher Äffchen wird häppchenweise neuer Lebensraum ausgekundschaftet, in munteren kriegerischen
Machenschaften etwa im Irak oder in Afghanistan, möglicherweise auch auf dem Mond, wenn es dort Öl
und Macht gäbe und eine Bevölkerung, der man „demokratisch und friedlich“ unter die hilflosen,
weil im primitiven Geisteszustand verharrenden Ärmchen greifen könnte.
Fair ging das nicht zu in den Gehegen der deutschen Veterinärclubs. Während sich das edle
Getier in seinen majestätischen, weiträumigen Parkanlagen den Arsch aus der Hose promeniert,
sehen die Affen und Hasen in ihren Ställchen keine Sonne mehr und kommen ab und an sogar auf
die Idee, sich gegenseitig zu beißen, weil die Herren und Damen der Zooleitung zwar drittklassiges
Futter unter den Stäben durchschieben, sich aber sonst ziemlich dünne machen. Affen und Hasen sind
erklärtermaßen nicht die Lieblinge im Zoo der Deutschen. Vielleicht, weil es zu viele davon gibt oder
weil sie nicht so eindrucksvoll wie die Tiger die Zähne zu fletschen vermögen?
Die Zoodirektoren hätten die Heuschrecken aussperren, die Wale satteln und die Raubtiere in ihrer
grenzenlosen Gier in die Schranken weisen können, doch sie hob nicht einmal den Zeigefinger.
Seitdem herrscht ein heilloses Durcheinander in unserem bankrotten Zoo. Die Direktoren schickten
Aasgeier aus den eigenen Reihen, die den Dreck beseitigen sollten und wunderten sich, dass es
trotzdem stank. Wölfe kamen und heulten den Mond an, bis die Kleinbürgerhasen sich vor Angst in
ihre Ställe verkrochen und dort nur noch ganz leise „Bauer sucht Frau“ guckten.
Hin und wieder muckt eins der Äffchen auf, weil es Krieg möglicherweise unpassend findet, den
Läuse-Fahndungs-Job bei den ausgebufften Wirtschaftsfüchsen verliert oder einfach meint, brüllen,
Zähne fletschen und Hasen reißen sei kein passender Auftritt für einen Löwen, nicht mal dann,
wenn er aus der Wirtschaft kommt.
Auf neue Wege im Zoo Deutschland wird man jedoch vergeblich warten.
Denn wann hätte schon jemals einmal ein Affe hinter Gittern den Wärtern,
die ihn füttern, gesagt, wo es langgeht?