Tanz mit dem Teufel - Salonretter Andreas Wendt (03/10)



Viele Male schon bist du im Nachmittagsprogramm von Pro 7 zu in deiner ehrenwerten Mission unterwegs gewesen: Rief ein abgehalfterter Salon aus Deutschlands Pampa um Hilfe, warst du vor Ort, rasend schnell wie der Wind, um dich der haarigen Katastrophe anzunehmen. Die Zuschauerinnen lieben dich. Ein Friseur, der noch bevor er das dreißigste Lebensjahr erreicht hat, bereits mit lässigem Selbstverständnis den A-, B- und C-Promis für völlig überteuerte Preise die Haare schneidet, der muss schon was auf dem Kasten haben, meinen sie. Du kritisierst niemals zu Unrecht und du tröstet rührend, wenn die ausgeschimpfte Chefin des Ladens, den du gerade in der Mache hast, Tränen vergießt. Dein Engagement ist beispiellos, deine Worte sind ehrlich, deine Tattoos „so süß“. Deine Überheblichkeit legt man dir als Beweisführung deiner Kompetenz aus. Du bewegst die Unfähigen zur Weiterbildung und die Uneinsichtigen zur konsequenten Umsetzung eines Konzepts, das garantiert den Erfolg bringen wird. Und das alles tust du, wie du den schweren Fällen gegenüber bekräftigst, nicht für dich. Du hast freilich ausschließlich das Wohl des brüskierten Geschäfts im Sinn. Einschaltquoten und eine Steigerung deines Bekanntheitsgrads, der deinen eigenen Kölner Geschäften zu Gute kommt, interessieren einen selbstlosen Messias der Friseurzunft wie dich überhaupt nicht.

Neulich bist du zum ersten Mal gescheitert. Nach einer Stunde Sendezeit erhob sich dein Fazit wie eine dunkle Wolke über den Laden einer Friseurmeisterin, die für ihre immensen Schulden eines Anwalts und für ihre persönlichen Probleme eines Therapeuten bedurfte: „Nicht zu machen. Hier kann ich nichts mehr tun.“ Deine Worte, begleitet von einem ernsten Blick aus tiefen Augen, sprachen Bände der Tragik. Die Pro 7 - Zuschauergemeinde hielt die Luft vor dem Bildschirm an, als „Scherenschnitt“ mit seinem nagelneuem Konzept sang- und klanglos unterging. Die schwärzeste Stunde im Leben der Frau, die tränenreich und atemlos ihre Existenz dem unrühmlichen Ende preisgab, war für dich kein Eingeständnis von Versagen, sondern ein Jubelmoment: Du warst ob deiner grandiosen Fähigkeiten an deine Grenze gestoßen! Ein Tabu war gebrochen! Die Einschaltquoten legten ein weiteres Mal zu. Sender und Mitwirkende erlebten den privaten Niedergang der Friseurin vermutlich rauschhaft, denn die öffentliche Entblößung einer Geschäftsfrau hatte ihren Höhepunkt erreicht!

Lieber Andreas, kann das wirklich angenehm sein, Menschen vorzuführen, als wären es dressierte Affen im Zoo? Wie fühlt man sich als ein Moderator, der das Fremdschämen der Zuschauer publikumswirksam inszeniert? Besagte Friseurin reagierte auf deine Kritik bockig. Zur besseren Anschaulichkeit präsentiertest du angeekelt alle Dreckecken in dem unfertigen Bau. Und in dem Moment, als die Zuschauer flüsterten: „Wie kann man sich nur so gehen lassen?“, weil die Dame nicht in der Lage war, einem Termin mit einer Webeagentur – der letzten Rettung – beizuwohnen, zeigtest du großmütig Verständnis und gabst dein Bestes bis zum bitteren Ende.

Deine Sendung ist eine unter vielen im Trash-TV-Format. Auch bei dir wissen wir nicht, wie viel des Gezeigten echt ist, wie viel übertrieben, geschickt geschnitten, durch Überredung oder Knebelverträge mit finanziellen Anreizen erzwungen ist. Wir sehen nur dich, den Promi-Friseur, der nach eigener Aussage niemals die intimen Geheimnisse von Kundinnen ausplaudert, die er im Arbeitsalltag erfährt. Die Scharen von TV-Junkies himmeln dich an, leiden und jubilieren mit deinen Opfern, als deren Großmeister du dich verstehst. Dass dein Wirken ein Tanz mit dem Medienteufel ist, sehen nicht viele.

Daher ist wohl eine Typveränderung angebracht. Deine Achtziger-Jahre-Gedächtnisfrisur im angesagten Out-of-Bed-Look müsste an Länge verlieren. Wenn man die Hörnchen, die dein Arbeitgeber Pro 7 dir verpasst hat, zwischen den blondierten Haarspitzen noch erahnen könnte, wäre zumindest das ein ehrlicher Zug.