Die Generation der Verstummten (02/10)



Ich gehöre jener ersten Generation an, die keinerlei Idole und Ideale mehr hatte. Wir im grenznahen Osten waren die Kinder, die dem bösen real existierenden Sozialismus gerade noch so entschlüpft waren und uns fehlte es materiell an nichts: als ein mittelschichttypischer Teen umgab ich mich nur mit denen, die ebenfalls auf dem Gymnasium nach einer garantiert glanzvollen Zukunft strebten und mein ganzes Ansinnen war es, mich um die Chemiestunden zu drücken und die Wochenenden hübsch verplant auf verrauchten Tanzflächen abzuhotten. Wir genossen Konsum und die Annehmlichkeiten, die über die Grenze geschwappt waren, bekamen immer Geld für Kino und Klamotten und interessierten uns null für Politik. Wenn wir uns engagierten, dann nur für italienische Singvögel oder halbherzig gegen Atomkraft, weil demonstrieren cool war und schulfrei bedeutete.

Uns verband nichts und unsere Köpfe waren leer. Wir mochten harte Beats, die stumpfaus den Bassboxen dröhnten und am besten wenig Text hatten. Wir kleideten uns unauffällig, waren höflich und hielten nicht nur wegen des vielversprechenden Erbes Kontakt zu unseren Großeltern. Wir waren Fleisch gewordene Moral, sexuell dank der Revolution, die lang vor uns stattgefunden hatte, freizügig, im Herzen aber genauso verstaubt wie die Spießer, die wir leidenschaftslos verachteten. Obdachlosigkeit und offensichtliche Armut gab es auf den gefegten Straßen unserer Kleinstadt nicht, die vage Vorstellung, die wir davon hatten, verbanden wir nicht mit unserer Lebenswelt. Wer arm war, war selbst schuld. Nur Außenseiter und Versager fanden in dieser Gesellschaft, die Überfülle und Verheißungen am laufenden Band bot, ihren Platz nicht. Wir erkannten nicht, dass der real existierende Kapitalismus längst unser Denken überflutet hatte, mit seinem Leistungszwang, seiner Kaltherzigkeit, seiner Unmenschlichkeit und seiner maßlosen Gier. Für uns zählten die Werte, die wir in der Kindheit verinnerlicht hatten: Freundschaft, gegenseitige Unterstützung, Frieden und Gerechtigkeit. Wir glaubten von diesen Werten, auch in der neuen Gesellschaft hätten sie ewig Gültigkeit.

Wir lehnten uns nicht auf, wir kämpften für nichts. Wir hatten nicht einmal so etwas wie die Beatles der Neunziger, auf deren Konzerten wir hysterisch kreischend zusammenbrechen konnten, denn selbst die meisten Produkte aus Kunst, Literatur und Musik waren substanzlos und schöner Schein. Als die Fassade langsam bröckelte, sich die Arbeitslosen erstmals häuften, die ersten Schulabgänger keine Lehrstelle fanden, die ersten Kriegseinsätze von unserem Land bestritten wurden, spürten wir eine nicht zu erklärende Unruhe, die mit den Jahren in Mutlosigkeit mündete. Hin und hergerissen waren wir zwischen der Ahnung, man könnte uns belogen haben, dem Wunsch nach heiler Welt und dem Drang nach „more drama, baby“. Eine bodenlose Verwirrung war die Folge: Obwohl uns gegenüber nie in Frage gestellt wurde, dass eine gesicherte Zukunft auf uns wartete, spürten wir doch, dass Existenznot und Sinnentleerung auch uns würde treffen können, die wir die Generation der Sprachlosen waren.

Ausbrüche aus der watteweichen, oberflächlichen Gesellschaftskonformität wurden sofort geahndet: Weder der Kontakt mit denen, die gemeinhin als „Assis“ bezeichnet wurden, noch Treffen mit Leuten zusammen, von denen man annahm, sie würden mitternächtliche Blutopfer über Gräbern bringen, wurden akzeptiert; jeder Schritt über den Horizont hinaus zog den Vorwurf nach sich, möglicherweise auf „die schiefe Bahn“ geraten zu sein. Sich Eltern, Lehrern und Gleichaltrigen zu widersetzen bedeutete den Ausschluss aus der Gesellschaft, die sich hingebungsvoll ihrem Minderwertigkeitskomplex hingab und ihren bescheidenen Wohlstand gegen jeden Angriff verteidigte.

Immerhin: der Blick auf die Geschichte und eine Hinwendung zu Andersdenkenden, etwa den unvergessenen Romantikern, gab Antwort: Besprechen konnte man diese allerdings nicht, denn die, die Fragen stellten, waren allein auf weiter Flur. Wir blieben die Generation, die nach dem Schulabschluss ein klares Ziel vor Augen hatte und sich niemals zu tongewaltigen Festivals, eindrucksvollen Bed-Ins oder nachdrücklichen Aufständen hatte hinreißen lassen. Unsere Gefühle gingen nicht tief, aber wir zockten leidenschaftlich an unseren Spielkonsolen mit zweidimensionaler Oberfläche, aßen bei McDonalds, schleppten die ersten Mobiltelefone in Mini-Format mit uns herum und rauchten selbstverständlich in Gaststätten am Esstisch. Wir übernehmen keine altbekannten Methoden, um Ideale durchzusetzen und wir schufen keine neuen – wir hatten schlicht keine Ideale, die einer Methode bedurft hätten. Alles, was uns interessierte, waren Schulnoten, Charts und Singlepartys.

Wir sind die Generation, deren Worte keine Texte hervorbrachen und deren Stimmbänder nicht erklangen. Wir sind die Generation, die die Achtundsechziger peinlich fand und darauf gedrillt wurde, in Banken, Versicherungen und Wirtschaftsunternehmen nach Höherem zu streben. Das Chaos in unserem Kopf war dabei nur hinderlich, deshalb schalteten wir es aus und gehen zehn Jahre später lieber zum Therapeuten, um im Sinne Freuds die Vergangenheit aufzuarbeiten. Erstrebenswert finden wir nur die Relikte, die unsere Eltern abgestreift zu haben glaubten: der Wunsch nach einer gutbezahlten Festanstellung, das Schuften für ein Haus im Grünen, das wir bis zur Rente abbezahlen. Unser Lebensziel: zwei Kinder, die selbstverständlich das Gymnasium besuchen und einen Wagen in der Garage, der eine Nummer größer ist als der unseres Nachbarn und später mit ein bisschen Glück eine Rente, die den Hartz-IV-Satz übersteigt. Wir sind der Zenit des Individualismus. Wir glauben, politische Entscheidungen sind unveränderlich. Wir glauben an die Wissenschaft und die Vernunft. Wir lieben die Freiheit, die uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Wir sind glorreich in der menschlichen Evolution des homo oeconomicus: Das einzige, was uns zum Lächeln bringt, ist der liebliche Klang singender Taler. Und wir tun alles dafür, um ihn so oft wie möglich zu hören.