Nachdenkliches: Früher und heute (01/10)
Früher schnupperten wir in der Stadtbibliothek an den Büchern, heute laden wir E-Books runter.
Früher fragten wir, wenn wir jemanden kennenlernten, welche Hobbys er hat und was seine Lieblingsfilme sind,
heute fragen wir zuerst danach, was er beruflich treibt und wie erfolgreich er ist.
Früher waren wir albern und schämten uns nicht dafür, heute sind wir ernst und schämen uns dafür, dass wir früher albern waren.
Früher zogen wir wie die Wilden durch die Discos, heute kommen wir morgens nicht mal aus dem Bett, wenn wir uns nur den Spätfilm reingezogen haben.
Früher lauerten wir tagelang darauf, dass endlich ein bestimmter Song im Radio gespielt wurde und freuten uns einen Keks, wenn wir ihn hörten, heute kriegen wir Musik an jedem Ort und zu jeder Zeit.
Früher schauten wir Kultfilme und redeten darüber, heute verfolgt uns Trash-TV auf allen Sendern und jeder Blockbuster ist nach demselben blöden Muster gestrickt.
Früher trafen wir uns mit Freunden draußen und gingen nächtelang spazieren, heute treffen wir uns im Chat und hängen nächtelang vor dem Computer.
Früher lasen wir Bravo Girl, heute die Tageszeitung.
Früher gingen wir in den Musikladen, um neue Alben anzuhören, heute klicken wir bei youtube rein.
Früher zogen wir zum Shoppen los und stromerten durch die Geschäfte, heute bestellen wir online und lassen uns den Kram nach Hause schicken.
Früher empfanden wir tief und leidenschaftlich, heute rasen die Gefühle nur so an uns vorbei und sind schon wieder weg, ehe wir sie wahrnehmen können.
Früher gab es tausend Höhepunkte: Gartenpartys, Festivals, Billardabende. Heute ermüdet uns der Alltag, noch ehe wir uns aufraffen können, etwas zu unternehmen.
Früher drückten wir uns vor dem Lernen und schrieben morgens halbherzig die Hausaufgaben ab, heute sind wir dankbar für jede Fortbildung, die wir für wenig Geld abfassen können.
Früher jubelten wir über eine wackelige Drei in der Französischarbeit, heute gleicht ein sehr guter Studienabschluss einer lauwarmen Brühe, die nicht mehr satt macht.
Früher kuschelten wir mit Stofftieren, Freunden und Nachbarskindern, heute ist es uns peinlich, zu viel Zuneigung zu zeigen.
Früher experimentierten wir, mit Klamotten, Erlebnissen, Kunst und Entscheidungen, heute fragen wir uns ständig, was unsere Mitmenschen von uns halten und welche Konsequenzen unser Handeln haben könnte.
Früher hatten wir kein Geld, aber massig Spaß und Zeit, heute rennen wir in unserem Hamsterrad und verspüren Unzufriedenheit, wenn es im Leben nicht schnell genug vorangeht.
Früher waren wir unbekümmert und sorglos, heute verursachen uns Nachrichten, Ämterpost und Rechnungen Bauchschmerzen.
Früher lebten wir mit allen Sinnen die Melancholie und wurden durch sie zu Dichtern, Musikern und Malern, heute glauben wir, wer künstlerisch tätig sein will, braucht dafür eine solide Ausbildung.
Früher erkundeten wir mit Neugier und Abenteuerlust das Leben, heute hat uns das Leben mit seiner Verantwortung, seiner Schwere und seinem Leistungsdruck im Griff.
Früher durften wir keinen Urlaub machen, heute können wir uns keinen leisten.
Früher liebten wir ohrenbetäubende Musik, heute beschweren wir uns, wenn die Nachbarn das Radio zu laut aufdrehen.
Früher schafften wir uns Sinn, heute suchen wir ihn vergebens.
Ich wünsche mir ein bisschen Schwerelosigkeit zurück.
Foto: 1996