Ein-Euro-Titel: Akademischer Ramsch (01/10)
Wieder einmal fand an der Uni Oldenburg eine Veranstaltung statt,
bei der die Absolventinnen und Absolventen der letzten Monate in einer
feierlichen Stunde ihre Titelurkunden überreicht bekamen. Festlich gekleidete
Ex-Studenten und ihre Angehörigen lauschten andächtig den Reden, in der
Luft ein Hauch von Bildungselite, fetzige Rhythmen der Kuba-Band,
zahlreiches Händeschütteln und ein Fotograf, der emsig durch den Saal hüpfte, um die besten Momente einzufangen.
Wunderschön gestaltet – wirklich, rührende Worte von Studiendekanin der Fakultät und den freudig
strahlenden Studenten, sogar Petrus schickte Sonnenschein und ließ Manschettenknöpfe schillern.
Den Schatten, der über allem lag – hat ihn niemand gesehen? Oder schweigen die frischgebackenen
Bachelor, Master und Magister, ihre Titel verkrampft in den Händen und im Bauch einen Klumpen
mühsam verdrängter Angst? Nun stehen sie, eben noch auf der Bühne im Hörsaal, heute mit einem Bein
in den Sozialkassen und der Lohndumpingfalle. Von Chancen und Aussichten war die Rede, doch in den
Augen mancher lag die unausgesprochene Frage: Was wird die Zukunft bringen? Die Bachelor wurden
gefragt, wie viele von ihnen derzeit einen Job ausüben: In der Traube von Menschen gingen drei
einsame Finger nach oben. Den Master können nur wenige nachschieben, zu streng sind die Zulassungsbedingungen,
zu rar die Studienplätze. In der freien Wirtschaft werden die auf Auswendiglernen getrimmten Roboter
ohne Praxis- und Forschungserfahrung nicht immer gern gesehen. Die alten Magister hingegen wissen,
dass die Halbzeitwert ihres Wissens, das sie in einem auslaufenden Studiengang erworben haben,
bereits auf dem Weg ist, ein Relikt zu werden. Fast alle von ihnen tragen auf den Schultern das
Bündel von Schulden, die für Studiengebühren und einen bescheidenen Lebensstandard aufgenommen werden mussten.
Die hochgelobte Leistung werden sie erbringen, gewiss, aber die Rechnung in der Arbeitswelt geht nicht auf:
Lernleistung, für eine Klausur erbracht, bringt in der Regel den Erfolg einer guten Zensur. Arbeitsleistung,
auf dem freien Markt erbracht, führt nicht in jedem Fall in eine gesicherte Existenz. Auf einen unbefristeten,
gut bezahlten Job warten viele vergebens, Familiengründung und Zukunftsvorsorge bleibt eine Melodie auf einem nicht gespielten Instrument.
Die Fröhlichkeit ist eine Farce. Wir werfen keine Hütchen hoch, denn sie fallen ins Bodenlose.
Wir lächeln den ehemaligen Kommilitonen zu und denken nur an die Rivalität,
die zwischen uns herrschen muss, weil die gesellschaftliche Situation uns dazu zwingt.
Wir sehen unsere Eltern und Großeltern, die vor Stolz fast platzen und wissen,
dass auch in diesen Generationen viele die Verlierer des Systems sind. Und haben
gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil uns klar ist, dass es anderen, die nicht studiert haben,
noch viel mehr an Chancen mangelt, dass die meisten von uns nur studieren konnten,
weil sie aus einem akademischen Elternhaus stammen, dass zahlreiche unserer Begleiter
in den ersten Semestern aufgegeben haben, weil ihnen Geld oder Kraft fehlten und dass
die Kinder an den Schulen, die unserer Generation folgen werden, noch viel früher darauf
getrimmt werden, bestmögliche Leistung zu erbringen. So ist unser Blick durch den Hörsaal
mit einem flauen Gefühl verbunden, der Blick nach draußen verursacht uns Übelkeit.
Die Titel, schwarz gedruckt auf blütenweißem Papier – sie sind keine Barriere zwischen uns und einer
Zukunft, in der Ingenieure sich als Minijobber in Zeitarbeitsfirmen aufreiben und Kulturwissenschaftler
für einen Euro Möbel schleppen. Wir haben gekämpft, manchmal bis zum Rand der völligen Erschöpfung,
und sind keinen Schritt weiter als am Tag unserer Immatrikulation. Jammern auf hohem Niveau, wird
manch einer sagen, aber das hilft uns auch nicht, wenn wir nachts wachliegen und uns fragen,
warum unsere hundertzwanzig Bewerbungen kommentarlos zurückgekommen sind. Denn wir sitzen alle im selben Boot.
Es wird mit Akademikern und Nichtakademikern untergehen. Bei uns allen lösen die Worte
„Wirtschaftskrise“, „Fallmanager“, „Sanktionen“, „Massenentlassungen“ und „Kurzarbeit“ ein Gefühl aus,
das wir bestimmt nicht im Sinn hatten, als wir uns einst voller Elan und Zuversicht in unsere Ausbildung
an der Universität, in einem Betrieb oder an einer Schule gestürzt haben. Ihren Wert suchen wir vergebens,
erst recht, wenn wir keine skrupellosen Erfolgstypen sind. Wir stehen mit unseren Abschlüssen inmitten
überfüllter Regale in einem Billigladen und versuchen verzweifelt, unser Allerweltsprodukt noch
dazwischenzuschieben. In Deutschland herrscht Bildungsausverkauf. „Toll“, lobt einer, der vorbeigeht,
unsere Ware, noch so neu und vielversprechend. Kaufen will er sie nicht.
Für uns ist sie zu billig, denn sie wird unsere Schulden auch in zehn Jahren vielleicht nicht refinanzieren.
Für ihn zu teuer, denn Bares bleibt den Großunternehmern vorbehalten. Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss, liebe Generation Praktikum.