Mediensatire: Meine Tochter, die Schlampe! (01/10)



Unsere Privaten geben sich ja die beste Mühe, uns zu informieren, zu bilden und zu unterhalten! Man wähle zufällig einen beliebigen Wochentag und eine zufällige Uhrzeit, um statistisch repräsentativ zu prüfen, womit Arbeitslose und Hausfrauen rund um die Uhr verwöhnt werden. Und dann stößt man beispielsweise auf eine so reizvolle Sendung wie „Mitten im Leben“, die Millionen von Zuschauern zeigt, wie das wahre Leben wirklich ist. Der Alltag ungeschönt, die Menschen so real nachempfunden, dass es deine – schlecht schauspielernden Nachbarn sein könnten, die Sendezeit voller brauchbarer Weisheiten:

1. Wenn du wirklich begabt bist, wird Dieter Bohlen es früher oder später erkennen.
2. Wenn dich jemand ungerecht behandelt, ruf Ulrich Meyer an, er ist der strahlende Prinz der Television und rettet dich charmant aus jeder Schmach.
3. Wenn du eine arbeitsunwillige Tochter hast, jag ihr RTL auf den Hals, sie wird sich binnen kürzester Zeit vom Faultier zur Biene mausern.

So geschehen bei Familie R., deren 22-jährige Tochter von einer vergnügten Stimme via Voice-over mit einem jovialen: „Jung, faul und arbeitslos“ vorgestellt wird. So weiß gleich jeder Konsument, mit wem er es zu tun hat. Damit auch die Zuschauer, die die Puschel von Cheerleadern als „Tampons“ bezeichnen und glauben, Neil Diamond und Louis Armstrong seien gemeinsam auf dem Mond gewesen, dem Geschehen folgen können, bekräftigt die Mutter angesichts ihrer störrischen Brut entrüstet: „Wenn man jung ist, muss man doch was arbeiten!“ Jawoll, klopft sich der durchschnittliche Zuschauer auf die Knie, recht hat sie, wenn sie ihr missratenes Kind tadelt, schließlich liegen ganze Heerscharen von Arbeitslosen dem Steuerzahler auf der Tasche und weigern sich, ihren Teil zum alltäglichen Leistungsgewurschtel beizutragen.
S., deren Haarpracht an ein junges Stinktier erinnert, ist eine Arbeitslose, wie sie im Buch steht: Unehelichen Klotz im Kindesalter am Bein, bei den Alten wegen „Party und Jungs“ in Ungnade gefallen, lust- und ziellos und mit der Ausstrahlung einer Germanys-Next-Topmodels-Kandidatin, die schlechtgelaunt auf Heels durchs Wohnzimmer stöckelt, in der Hoffnung auf eine irrsinnig große Karriere. Wo hat die Schlampe, die von ihrer tüchtigen Mutter publikumswirksam vor der Kamera als „faules Stück“ betitelt wird, bloß die Kohle für Ledercouch, Piercings und Friseur her?, fragt sich zu Recht der vorbildlich nach gesellschaftlicher Anerkennung strebende Zuschauer, wohl wissend, dass er selbst nicht im mindesten einem solch asozialen Subjekt gleicht. Freilich ist das aber ein gutes Beispiel für all die anderen Schmarotzer, die den Staat ruinieren! Wer weiß, vielleicht ist die eigene Nachbarin, Freundin, Kollegin auch ein verkapptes faules Stück?
Tochter S. kommentiert die politisch korrekten Anfeindungen ihrer Eltern mit einem dümmlichen Grinsen: „Is schon scheiße, das“, und es wird munter am Set gebrüllt. Gossengeschimpfe und grammatikalisch bisher Unbekanntes geben den Familienkriegsszenen die richtige Würze. Daddy, nicht gerade ein Adonis, schlägt dem trotzigen Töchterlein vor, Nacktmodell zu werden, ist er doch selbst in der Branche äußerst erfolgreich. Die beste Freundin mit dem Gesicht wie ein Mops macht auf Laufstegprofi und verteilt lauter brauchbare Verbesserungsvorschläge, damit die Modellwelt auf den ersten Blick erkennt, dass sie nur auf das faule Stück mit dem schwarzweißen Schopf gewartet hat. Daddy hat noch eine bessere Idee: „Abnehmen musst du“, erklärt er seinem Sprössling, der vermutlich Kindergröße 158 trägt und weniger BMI-Punkte als Lebensjahre zählt. Ein dezenter Hinweis für die Zuschauerinnen: will man was werden in Good Old Germany, geziemt es sich nicht, bei Kik in den Großen Größen zu wühlen.
Letzten Endes kehrt S. reumütig in den Schoß der Familie zurück: Ein Probearbeitstag bringt wie ein Zauberer mit Sternen auf dem Spitzhut einen Ausbildungsvertrag mit sich, weil S. sich endlich ins Zeug legt, nachdem sie entdeckt, dass sie schon immer Kfz-Mechatronikerin werden wollte. Ende gut, alles gut, denn alle Sorgen und Probleme sind wie weggefegt: Da sieht man es: Fleiß führt immer und in jedem Fall sofort zum Ziel und wer das nicht schafft, ist wegen seiner Faulheit selbst schuld! Die Prollbrut wird nun ganz gewiss steil auf der Karriereleiter nach oben steigen und kräftig Steuern zahlen, wie es sich gehört. Mutti hat aufgehört zu schreien, weil Töchterleins Aktivitäten endlich in andere Bahnen gelenkt sind. „Du tust dich nur immer schminken“, ist Geschichte. Vati winkt vom Siebten Nacktmodelhimmel stolz nach unten und alle Unterschichtler haben sich wieder lieb.
Für den Zuschauer ist die Welt wieder in Ordnung. Wie könnte er mehr über das wahre Leben lernen als in dieser gestrauchelten Familie, deren Bemühungen, brave und fleißige Bürger zu werden, endlich öffentlich von strahlendem Erfolg gekrönt sind? Vielen Dank für die intime Vorführung, RTL! Wir sehen uns wieder, wenn Peter Zwegat das nächste Mal dem säumigen Abschaum unserer Sozialkassen kräftig in den Arsch tritt!