Buchrezension: Das Haus von M.Z. Danielewksi (01/10)
Die Idee, dem Leser weiszumachen, ein Buch sei eine authentische Geschichte,
gibt es schon lang: E.T.A. Hoffmann etwa, der ungekrönte König der Herausgeberfiktion,
spielte die Melodie dieser literarischen Gaukelei in allen nur vorstellbaren Tonarten.
Bei Danielewski könnte man jedoch fast der Versuchung erliegen, die Fiktion für bare Münze zu nehmen.
Der Roman, der so dick ist, dass man damit eine Ratte erschlagen könnte,
hält das Spiel bis zum Ende durch: John Truant, der im Nachlass des alten
Zampano die umfangreiche Beschreibung eines Films, des Navidson Record, findet,
beschreibt sein eigenes Martyrium aus Alpträumen und paranoidem Verfolgungswahn
ohne jede Distanz und versäumt kaum jemals die eindringliche Leseranrede.
Der alte Zampano wiederum hat sein verwirrendes schriftliches Vermächtnis mit einem ganzen Arsenal
an sekundärliterarischen und fachwissenschaftlichen Kommentaren aufgemotzt.
Kernstück des Buches ist der in allen Einzelheiten beschriebene Film von Will
Navidson, der mit seiner Familie in ein Haus zieht und feststellt, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht.
Die Entwicklung der Wohnstätte zu einem wahren Horrorkabinett, das am Ende Leben kostet, wurde von Navidson gefilmt,
der Film von Zampano geschildert, Zampanos Schilderungen von John Truant kommentiert und an unbekannte Herausgeber
weitergereicht, die das „House of leaves“ publiziert haben.
Soweit noch nicht verwirrend, da sauber verschachtelt:
Der Leser erhält Einblick in das Elend der Navidsonschen Familie,
die von ihrem finsteren Haus fast verschlungen wird und in das persönliche Leid des
sexsüchtigen Junkies John. Für beide Seiten gilt: Die inneren Qualen – ob Beziehungskrise oder Lebenshass –
spiegeln sich in den Machenschaften des Hauses mit einem offensichtlichen Eigenleben wider.
Bei beiden Parteien kann man nicht sicher sein, ob sie nicht vielleicht einfach nur wahnsinnig sind, Will
Navidson und sein obskurer Film lassen sich sogar darauf reduzieren, als reines Fantasieprodukt den
kruden Hirnen Zampanos oder Truants zu entstammen.
Was den Roman aber besonders macht: Er liefert in Form unzähliger Fußnoten die
möglichen Interpretationen gleich mit: An dem Ehepaar Navidson und dem Rest der
Familie werden psyschologische, soziologische und anderweitig hochwissenschaftliche
Theorien erprobt, und zwar in einem Tenor, der grinsend den Zitierungswahn der
Literaturbesessenen und audiovisuellen Möchtegernprofis in Kultur- und Filmwelt brüskiert.
Zahlreiche Wissenschaften kommen zu Wort, bis hin zu umfangreichen physikalischen Betrachtungen –
und werden doch kein bisschen ernst genommen. Truant selbst, die arme Sau, zeichnet den Weg eines
wachsenden Wahnsinns nach, mit der immer wirksamen Ausrede, das Manuskript Zampanos und damit das
Haus in dem Film hätte etwas mit seiner zunehmenden Geistesverwirrung zu tun. Aber nein, auch hier bricht die
Vernunft sich Bahn: Das verkorkste Leben des John Truant hat ganz reale Ursachen, wie weitere – angeblich
authentische – Schriftstücke gegen Ende hin nachdrücklich beweisen.
Man kann das Buch einfach lesen, von vorn nach hinten oder stückweise. Trotzdem ist es anders:
Wo Enge in der Fiktion herrscht, wird die Schrift schmal, wo ein Tunnel geschildert wird,
erscheint ein weißes Loch in den Seiten. Schräg angeordnete Sätze symbolisieren ein Fallen in der
Handlung oder eine Schieflage in der Psyche der Figuren. Die Anordnung der Ebenen zeichnet das
Labyrinth in dem Haus nach, in dem sich die Figuren verlieren. Ein eindrückliches Experiment,
das aus textueller Gestaltung und erzählter Geschichte gleichsam eine Einheit macht.
An dem Mammutwerk hat Danielewski über zehn Jahre gearbeitet und das glaubt man ihm gern,
besitzt doch nicht mal eine anständige Doktorarbeit so viele Erläuterungen und Kommentare.
Die Darstellung des Hauses hat seinen Reiz, erhält sie doch über den Schluss hinaus
trotz des ganzen pseudowissenschaftlichen Blabla keine sinnvolle Erklärung.
Philosophische Grundfragen klingen an und bleiben offen. Das Buch lädt zum selbstständigen
Denken ein und der Ein oder Andere sieht sich vielleicht sogar dazu animiert, seine dank
trivialer Massenproduktion auf dem Buchmarkt eingerostete Vorstellungskraft zu reaktivieren.
Und trotzdem... Muss es denn wirklich schon wieder ein nach Drogen, Alkohol und abgefuckten
Weibern süchtiger Typ sein, der uns durch die Geschichte führt? Muss ein weiteres Mal eine
Familientragödie inklusive untreuer Gattin und rivalisierenden Bruders im Zentrum stehen?
Müssen erneut die Klischees der Gewalt und des geistigen Abbaus bemüht werden, um eine
eigentlich einfach gestrickte Geschichte kunstvoll kompliziert aufzupusten?
Der Versuch, den ewig gleichförmigen Stakkato-Horror eines Stephen King oder
vergleichbarer Altmeister, die mittlerweise sogar ihren Einkaufszettel als
spannende Geschichte präsentieren, mit neuem – anderen – Glanz aufzupolieren,
ist lobenswert. Die technische Umsetzung ist meisterhaft. Eine Wendung im
abgegrasten Gruselgenre stellt man sich trotzdem noch eine Spur unkonventioneller vor.
Fazit: Der Roman ist zwar keine modische Neuerscheinung, aber immerhin
kombiniert er die alten Klamotten auf eine noch ungewohnte Weise.