Politsatire: Brave new world (01/10)
Über Huxleys Roman haben wir den Kopf geschüttelt,
einen frostigen Gruselschauer auf dem Rücken, der allerdings
rasch vorbei war: Was für eine absurde Fiktion! Dann kam eine Zeit,
da fragte man sich im Stillen, wie weit wir wohl von einer solchen
Gesellschaft, in der das selbstständige Denken dem blinden Stolpern
ferngesteuerter Schafe gewichen ist, entfernt sind. Und nun haben wir den Salat:
Der korrupte Merkelclan und sein nicht minder bestechlicher Feierabendskat-Partner unter Scarface Guido hält
munter trompetend die Fahnen hoch: „Auf auf zu neuen Bürgerbelastungshäfen! Lohndumping ist geiler als Geiz!
Bildung für alle ein unnützes Recht, das ebenso wenig durchgesetzt werden muss wie die
grundgesätzliche Schauermär Eigentum verpflichtet! Sein Gebrauch soll zugleich dem
Wohl der Allgemeinheit dienen. Wir werden das Krisenkind schon schaukeln, Hauptsache,
ihr Bürger zeigt die Bereitschaft, euch für unser totgeborenes Kapitalistenbalg aufzuopfern!“
Brave new world vom Feinsten und Königin Angela thront über den
Buchseiten und blättert sie für uns um, da wir es selbst nicht vermögen,
fehlen uns doch Selbstbewusstsein, Wissen und Mut!
Nun, unsere gesellschaftliche Kastenteilung mit zwei Gruppen - wenige Stinkreiche und der unvermögende Mob - ist
eine denkbar einfache, primitiver noch als im Roman. Sogar ein Hauptschulabsolvent, der auf Grund seines
prolligen Arbeitervaters nie eine Uni von innen gesehen hat, kann bis zwei zählen und rechnet sich, dankbar
Männchen machend dafür, dass er nicht gleich als Störfaktor in der Wirtschaftswelt eliminiert wird,
automatisch zur Gruppe der Epsilon-Minus. Die Alpha-Plus-Typen hingegen tummeln sich in Glanz und Gloria und
schämen sich nicht einmal allein im Badezimmer vor ihrem diamantbesetzten Spiegel. Unsere Föten
werden noch nicht indoktriniert, aber auch nur, weil die noch fehlende technische Machbarkeit der
siegreichen Gesellschaftsselektion einen Strich durch die Rechnung macht. Die mentale Indoktrinierung
hingegen ernährt einen ganzen Wirtschaftszweig: Unterschichtenfernsehen wohin man schaut,
für die ganz kleinen Deppen und die ganz großen Deppen gleichermaßen, von denen einige glauben,
eine Bundestagswahl sei vergleichbar bedeutungslos wie das Umschalten auf der Fernbedienung.
Fäkal-anrüchige Schulbildung tut ihr Übriges: Vergoldete Pissoirs für die verzogenen Elitensprösslinge,
bekackte Ikea-Klobrillen für den dümmlichen Rest.
Die Umsetzung hapert ein bisschen, denn ab und an werden Stimmen laut: Das Belohnungssystem mittels
Sex mag ja noch klappen, denn immerhin ist auch der käuflich – und regelt nicht der Markt mit unsichtbarer
Hand Leib und Seele vor dem Fegefeuer? Bei wildwachsenden Konsumbestrebungen beißt allerdings spätestens der
auf Granit, der dank peinlich niedriger Löhne, dank lächerlicher staatlicher Unterstützung – mehr Harzer
Roller als Hartz IV – und dank der zu Ungunsten mittelständischer Unternehmen ausfallenden Regierungsgeschenke
für Großkonzerne nichts mehr in der Tasche hat, um dem Kaufterrorismus zu frönen. Und die Droge Soma, ja,
die wäre natürlich ein Weg, um aufmüpfige rote Strümpfe in Schach zu halten. Aber wie sollen die
Pharmazieunternehmen noch Zeit haben, zur Belustigung willfähriger Untertanen Zufriedenheitspillen herzustellen,
wenn sie doch die ganze Zeit damit beschäftigt sind, neue Krankheiten zu erfinden, um ihren Verkauf von dann
dringend notwendigen Medikamenten zu steigern?
Was bleibt? Eine andere Droge, die es rezeptfrei und gratis gibt: Das böse Hormon, das Angstgefühle auslöst.
Man kann es von außen in die Körper pflanzen: ein reißerischer Bericht über angeblich massiv gestiegene
Kriminalität, eine Warnung vor den grantigen Islamisten, die brutal missionieren, indem sie Flugzeuge vom
Himmel schmeißen, viel wirtschaftspseudowissenschaftliches Expertenblabla, das zwar keine blühenden
Landschaften mehr verheißt, aber verleugnet, dass unser sozialstaatliches Strahlendgrün zu einem schmutzigen
Wüstengelb verkommen ist, in dem sich nicht mal mehr ein kümmerlicher Krüppelkaktus seiner Existenzgrundlage sicher sein kann.
Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, morgen dort anzukommen, worüber wir heute noch angeekelt und
überheblich lästern, den Anschluss in der Leistungs- und Wissensgesellschaft verwehrt zu kriegen – das ist
unsere Droge Soma. Darüber täuscht auch der gönnerhaft hingeworfene Zwanzig-Euro-Krümel vom Kindergeldkuchen
nicht hinweg. Leider lässt er so manchen vergessen, dass uns die Bäckerei sowieso gehört. Selbstständig denken
und Kritik üben verliert sich im Sande des blasenden Angst-Hurrikans. Wer vermag es schon, alternative Gesellschaftsmodelle
zu durchdenken oder den Alphas da oben auf die Finger zu hauen, wenn die Angst Tag und Nacht seinen Körper
durchströmt und das Denken auf Eis legt?
Und was würde Huxley zu alldem sagen? Er würde vielleicht nachsichtig ob des
irregeleiteten und paranoiden Stümperautors lächeln und ein Manuskript mit
einem solchen Inhalt als minderwertiges Geschreibsel in die Mülltonne statt auf einen Verlagstisch verfrachten:
„Was für eine absurde Fiktion!“
(Dieser Beitrag ist eine Satire.)