Buchkritik: Lolita von V. Nabokov (01/10)
Alternder geiler Bock, junges, aufmüpfiges Mädchen,
Missbrauch, Abhängigkeit, Eifersucht und moralische Dekadenz –
die Story ist hinreichend bekannt und wohl tausendfach kopiert worden.
Dass Nabokov es mit seiner angeblich „pornographischen Schreibe“ schwer hatte,
einen Verlag zu finden, weiß man inzwischen auch. Aber! Aber: Dieses Buch zu
lesen ist wie ein Urlaub auf der Insel der allerschönsten Ästhetik.
Die Worte reihen sich wie Perlen aneinander, eine Kette, die geschmeidig durch
den Geist gleitet, jedes Wort rund und voll und richtig. Liest man es leise
flüsternd oder laut, hüpfen die Sätze durch den Raum und ziehen einen langen,
in allen Facetten des Lichts schimmernden Kometenschweif hinter sich her.
Die Worte purzeln wie Diamanten auf schwarzen Samt, verhallen lautlos,
hinterlassen strahlende Spuren. Die erzählte Obsession ist grausam und
wundervoll, hässlich und einzigartig, abstoßend und faszinierend, alles zugleich.
Man möchte Mr Humbert schlagen, trösten, verstehen – oder ihm einfach nur lauschen,
wenn er aus banalen Begebenheiten allein durch seine Worte ein Wunderwerk macht
und allzu Merkwürdiges durch vollendet geschliffene Ausdrucksweise auf andere,
neue Ebenen erhebt. Man möchte Lolita tadeln, bestaunen, bemitleiden.
Man möchte eingreifen und doch wieder alles halb entsetzt, halb hingerissen,
geschehen lassen. Man findet tausend Facetten und Lesarten: Roadmovie, Psychogramm,
die Geschichte eines Mädchens, das zu sehr Kind und gleichzeitig zu wenig Kind ist,
Beziehungskisten, Gesellschaftsschelte. Der eigenwillig blumige Schreibstil Nabokovs
schließt nicht einmal das gewollte Revival einer solo inszenierten L’art pour l’art-Zielsetzung
völlig aus, die sämtliche Interpretationen vollkommen verhöhnen würde.
Aber vielleicht ist das die einzig richtige Lesart: Hineintauchen und genießen,
was ein Meister der Literatur einst hervorgebracht hat.
Und sich fragen, warum man selbst niemals diese Gerüche wahrnimmt, diese Details entdeckt,
diese Berührungen spürt, die Nabokov so vollendet in Szene gesetzt hat.