Das Wunder des Lebens gesehen (02/11)
Ein Fotograf ist ein unwillkommener Eindringling während einer Geburt, möchte man meinen.
Nicht so bei dieser, bei der ich kürzlich dabei sein durfte. Für die werdenden Eltern waren dies
große Stunden – für mich als Außenstehende war es nicht minder faszinierend, mit eigenen Augen zu
sehen und mit allen Sinnen zu erspüren, wie ein Kind das Licht der Welt erblickt. Es war eine von
diesen sanften Geburten, für die sich Frederick Leboyer bereits in den Sechziger Jahren stark gemacht hat,
fernab von klinischer Hektik, unpersönlich kühler Umgebung, Stress und Druck von Seiten der Ärzteschaft.
Eine großartige Hebamme hat diesen Weg begleitet. Die werdenden Eltern, die Hebamme und ich waren über
Stunden in unserer ganz eigenen Welt, eine kleine Einheit im heimischen Schlafzimmer, die sich in Schmerz
und Magie zusammenfindet, während draußen der Morgen graut. In rascher Folge sind zahlreiche Bilder
entstanden, die dieses Erlebnis dokumentieren, die vielleicht schönsten, die ich je gemacht habe:
Kerzenlicht und Stille, geduldiges Abwarten und wachsendes Aufbäumen mit zunehmenden Wehen, die wellenartig
heran wogten, wieder abfielen, sich schließlich multiplizierten, um beispiellose Kräfte zu entfesseln.
Eine Frau, die – ganz eins mit sich selbst – ihre eigenen Grenzen überschreitet, ein Mann, der seine
Frau in den Armen hält, die Augen geschlossen, die Schmerzen gemeinsam wegatmend. Ein kalter Lappen
auf der Stirn, das Geräusch des Babyherzschlags aus dem CTG, ein Schluck Kaffee mittendrin, feuchte
Hände vor Aufregung, zwischendurch immer wieder die erleichternde Wehenebbe, Entspannung, tiefes Luftholen, das eigene Tempo finden und sich darauf einstellen.
Die Hebamme in sich ruhend, der angespannten Aufregung zum Trotz, Warten, die bange Frage, ob alles gut geht.
Hin und wieder Gelächter, von Schmerzlauten zerpflückte Gespräche, ein Abtauchen ins Nichts, der große Moment – laut, wild,
lebensnah. Und dann, der erste Schrei, die erste Berührung, das kleine Bündel, das nach Geborgenheit und Innigkeit duftet.
Augen, die das erste Mal die Welt um sich herum erblicken. Glückseligkeit, fassbar und greifbar, in schillernden Wogen durch das Zimmer gleitend.
Es war nicht die ganze Zeit so erhaben, wie es im nostalgischen Rückblick erscheint. Kurze Zeit nach der Entbindung
saßen wir dann auch schon wieder fröhlich lärmend mit der ganzen Familie am Mittagstisch. Aber bei der Erinnerung daran
erfüllt mich ein wagenradgroßes Lächeln: Es erzählt von einer Versöhnung mit dem Leben selbst, dem Leben, das so einzigartig ist und so
wunderbar, wenn es auf dieser Erde beginnt – egal, was später kommen mag. Der Bub ist übrigens kerngesund und wunderhübsch.
Ich danke den Eltern von ganzem Herzen, dass ich diese Stunden miterleben durfte. Sie haben mir gezeigt, wo die Grenzen der –
durchaus manchmal lebensnotwendigen – Medizin sind, es gibt eben doch mehr, als auf den ersten Blick wichtig erscheint.
Sie haben mir mehr Ehrfurcht vor dem Leben eingeflößt. Sie haben mich sehr weich und ein bisschen demütig gemacht. Danke.