Deine Lakaien - back on our stage again (02/11)



Das Pumpwerk in Wilhelmshaven: grobromantischer Industrieschick, wir diesmal ganz hinten, eine Holzbank unter dem Hintern, Merchandising-Shop im Windfang, Wein wie immer in Plastikbechern, ein eher kleiner Kreis von Zuhörern, die Schüchternen unter ihnen stocksteif, die Forscheren immerhin ein bisschen verhalten wippend. Im Vergleich zu anderen Bands haben die Lakaien erstaunlicherweise offenbar eine sehr gehemmte Zuhörerschaft – ich glaube, wenn ich es einmal erlebe, dass Lakaien-Fans ausrasten, schwitzen, jubeln und schreien, muss ich mein gewohntes Weltbild brüsk über den Haufen werfen. Schade für die Band, denn klar wurde wieder: keine anderen Künstler erreichen diese musikalische Qualität, noch weniger andauernd über Jahrzehnte hinweg. Horn und Veljanov verdienten eigentlich den Anblick Tausender, die sich mit Verve ihrem Hörrausch hingeben, weltvergessen tanzend, sich selbstvergessen wiegend, die Augen feucht, die Hände klamm, das Herz ganz weit geöffnet.

Der Ablauf des Auftritts ähnelte weitgehend dem vom November – klar, es war ja auch die Fortsetzung der Tour, die Lieder aus dem neuen Album vorstellte, aber auch vergangene Songs einbezog. Vorab wieder Vic Anselmo: starke Stimme, wehender Schleier, flinke Hände auf den Tasten, Hingabe. Leider nur klangen ihre Lieder diesmal noch stärker alle gleich, eins floss sozusagen ins andere, ein Melodienbrei, eine Spur zu tief geseufzt.

Hernach der Auftritt der Lakaien in altbekannter Begleitung, neue und alte Lieder anmutig aufgefrischt durch verfremdete Arrangements, die gewaltige Live-Stimme Veljanovs, die sich bis unter die Haut singt und dort festfrisst. Ernst Horn über das Keyboard gebeugt – ein bisschen wie Aschenputtel, das sehr konzentriert und mit beiden Händen die Körner sortiert. Nur, dass bei Aschenputtel nicht so magische Klänge aus der Tätigkeit hervorgingen, Aschenputtel hatte nur ihren blöden Traum von einem noch blöderen Prinzen, der ihr schmachtend den Glasschuh an den perfekten winzigen Fuß steckt. Die Lakaien brauchen keine Prinzen, die wahr gewordene Illusionen in einem märchenhaften Showdown von atemlosen Küssen niederregnen lassen – sie bauen ihre Paläste aus Noten und schicken Klänge auf die Reise, ohne dafür ein weißes Pferd zu beanspruchen.

Reizvoll auch der ständige Flirt zwischen Cellist (zuweilen headbangend) und Geigerin, teilweise perfekt einstudierte synchrone Bewegungen, ein Schwerterkampf mit Streicherbögen – diese Inszenierung wirkte, als läse man eine Liebesgeschichte, ohne ein Buch aufzuschlagen. Im Kontrast dazu ein zuweilen stoischer, zuweilen wie Rumpelstilzchen herum hüpfender Bassist. Die Lakaien sind so gut, weil sie eben alles ein bisschen anders machen als die anderen: Sie kokettieren mit ihrer eigenen Musik, die gleichermaßen eingehend-kraftvoll wie schmetterlingsflügelig daherkommen mag. Sie durchstreifen souverän den schmalen Grat zwischen dem Einsatz gewöhnlicher Instrumente und der hemmungslosen Ausbeutung entfremdender Effekte. Zuverlässig werden Erwartungen erfüllt, die einfach durch erlebte Erfahrungen permanent hoch sind. Die alteingesessenen Fans können davon ein Lied singen (im wahrsten Sinne). Auch über Veljanovs Singstimme wurde schon viel geschwärmt, gejubelt, geschrieben: Sie ist herausragend markant und präsentiert sich in einer Klangfarbe, die sich unter den Händen eines Malers wohl wie ein dreidimensional scheinendes Meisterwerk in zahlreichen Schichten auf Leinwand darstellte. Sie vermag aber noch etwas, und das habe ich erst bei diesem Konzert herausgefunden: Sie durchstreift den Geist (Mindmachine?) eines aufmerksames Zuhörers in sanften Bahnen und hinterlässt dabei unverwechselbare Spuren. Hört man sie später wieder, wird sie vom emotionalen Gedächtnis erinnert und löst springende, jauchzende und tanzende Seelen-Déjà-vu-Erlebnisse aus. So, wie man ein Leben lang gedanklich den Weg zum eigenen Herzen (Blue) – auf den Narben durch erlittenen Kummer entlangfahren kann, auch, wenn dieser längst geheilt ist, aktiviert sich diese einmal gehörte Stimme wie von selbst im Herzen und versetzt in eine Stimmung, welche die Resonanz mitbringen, nach der wir uns alle heimlich sehnen.

Wo die Lakaien auftreten, beherrschen sie den ganzen Raum - und das meine ich nicht im metaphorischen Sinn: Sie verdichten die Atmosphäre, sie senken dunkeldüstere Schleier über die Halle, sie packen den, der sich auf sie einlässt, direkt bei der Seele und reißen wild an ihr herum, bieten aber gleichzeitig auch zarten Trost für das Gefühl von bodenloser und süßschmerzender Tiefe, das sie auslösen. Sie nehmen sich selbst nicht ganz ernst und man weiß nicht mehr, ob sie einfach nur ungewöhnliche Kunst produzieren oder sich im Stillen an der Macht erfreuen, die sie spürbar über fremde Herzen zu gewinnen vermögen. Die Musik physisch im Körper zu spüren ist das Eine, die regenbogenfarbigen Schwingungen zwischen den Musikern und im Kontakt zwischen Musikern und Publikum im eigenen Inneren zu ertasten etwas ganz Anderes! Man möchte diesen gemeinschaftlichen Widerhall packen und unter Glas stellen, damit man ihn sich immer wieder ansehen und damit die Seele nähren kann, aber herrje – die Sache mit dem Aschenputtel, von der Grimms uns erzählt haben, war letztendlich auch nur ein flüchtiger Schwindel. Und eine Stimme, selbst die gewaltigste unter ihnen, kann ja auch nicht ewig erklingen.

Also heißt es: Den Moment genießen – steht dieser Tipp nicht in allen Selbsthilferatgebern und sämtlichen Leitbildern der morgen- und abendländischen Philosophiegeschichte? Wäre ein guter Weg gewesen, um bei dem erst einmal letzten Lakaien-Konzert einfach die Augen zu schließen, sich in samtene Klänge fallen zu lassen und nicht darüber nachzudenken, dass es sich um den vorletzten Auftritt der Indicator-Tour handelte. Aber weil Menschen und vor allem schwärmende Mädchen nicht vernünftig sind und Zaubermomente am liebsten in Stein gemeißelt sähen, fiel es mir diesmal sehr schwer, mich auf die Musik einzulassen, die ansonsten in jeder Situation zu meiner ganz persönlichen Streicheleinheit wird. Ich suchte eine Weile nach einem diese innere Abwehr beschreibenden Begriff und fand ihn dann im blassbunten Bündel abgenutzter Alltagsworte: Er heißt schlicht „Wehmut“. Während die Künstler auf der Bühne noch einmal ihr Bestes gaben, aalte ich mich in meinem ganz privaten Abschiedsschmerz, warf unsichtbar winkend mein lustvoll-melancholisches Adieu durch die Reihen der zumeist schwarzgekleideten Gäste und fühlte mich wie ein Kind, das sehnsuchtsvoll und vergeblich seine Nase am Schaufenster des Zuckerwarenladen plattdrückt. Over and done – und zurücksehen gilt nicht – wir wissen ja, was dem armen Orpheus widerfahren ist, der nicht loslassen konnte. (Jedenfalls dieser Seraphim muss weiterziehen, damit seine Flügel nicht verkümmern und an einer imaginären Schulter zu weinen war noch nie eine gute Idee.)

Den Musikern wünsche ich von Herzen eine schöne Zeit nach der Tour: Ihr habt eure Sache erstklassig gemacht.

>>> Unbedingt: die CD Indicator kaufen. Und am besten alle anderen gleich mit.

Quelle Foto: Website der Band Deine Lakaien: www.deine-lakaien.com