Literatur-Tipps (01/11)



Statt ausführlicher Artikel gibt es diese Tage eine kurze Übersicht meiner im Januar gelesenen Bücher, für den ein oder anderen vielleicht als Anregung?

Thomas Wieczorek: Einigkeit und Recht und Doofheit

Ich schwöre: Es gibt nichts Vergleichbares auf dem Buchmarkt! Ich habe sämtliche Wieczorek-Bücher und oute mich an dieser Stelle als leidenschaftlicher Fan! Ohne schlechtes Gewissen gehe ich soweit, dass ich durchaus empfehlen würde, diese Bücher als Pflichtlektüre an den Schulen einzuführen, denn sie enthalten nicht nur eine Fülle von Informationen, Statistiken, Daten, Hintergrundwissen, Zusammenfassungen, Erklärungen und sonstigem Wissenswerten, sondern sie sind so herzerfrischend witzig, dass jedes Kapitel reine Leselust bedeutet. Politklehrer würden überflüssig, (sie sind es vielfach vermutlich sowieso), wenn die Schülerinnen und Schüler Wieczorek läsen! Ödes Politikblabla war gestern - heute kommt Wieczorek mit seinem scharfen Blick und seiner Fähigkeit, Kompliziertes verständlich auf den Punkt zu bringen. Unsere Gesellschaft und die Situation in unserem Land werden elegant entkleidet, bis sie uns völlig nackt gegenüberstehen und dabei eine sehr lustige, manchmal tragikomische Figur abgeben. Wieczorek hält uns den Spiegel vor, aber auf eine so amüsante, lustige und unterhaltsame Weise, mit einem Feuerwerk an spritzigen, ironischen Pointen, dass die Lektüre zu einem einzigen Lachanfall wird. Nach jedem Buch habe ich Muskelkater im Gesicht, von den ständig nach oben gezogenen Mundwinkeln. MEHR DAVON, BITTE!


Jean-Paul-Sartre: Zeit der Reife

Ein Beamter lässt seine schwangere Freundin recht gedankenlos sitzen, um sich mit einer jungen Studentin zu vergnügen, die gar kein Interesse an ihm hat. Ein Schwuler fürchtet sich vor seinem Coming out. Der Dritte im Bunde dieser eigenartigen Freunde bleibt unfreiwillig an einer alternden Nachtklubsängerin hängen. Drogen und Geld, Moral und Sex, Verantwortung und Freiheit - Das Merkwürdige an diesem Buch: Es passiert fast nichts. Die Handlung beschränkt sich hauptsächlich auf Treffen in winzigen Räumen, Kneipen, Hotelzimmern, auf Abendveranstaltungen oder Parkbänken, bei denen ausführlichst geredet, gestritten, gegrübelt, geflirtet und katastrophisiert wird. Diese Beschränkung des Geschehens rückt Gespräche und menschliches Miteinander in den Vordergrund. Trotzdem kann man das Buch nicht aus der Hand legen, nicht, weil man auf das Ende so gespannt ist, sondern weil das Sammelsurium der Figuren einfach herrlich skurril und eigenartig anmutet.


Joe Hill: Blind

Ex-Rockstar bestellt im Internet einen Geist - Horror 2.0! Das Buch liest sich in einem Rutsch durch und wartet mit einigen ganz passablen Ideen auf. Die Story ist simpel gestrickt, wird durch einen einzigen personalen Erzähler berichtet und folgt einer strengen Chronologie ohne Überraschungen. Die Erzählweise ist angenehm und kurzweilig. Einzig die spirituellen Abschweifungen stoßen ein bisschen unangenehm auf, sie geben der eigentlich spritzigen Handlung einen Anstrich von altem Klischee. Trotzdem für "nur mal so" empfehlenswert.


Frank O'Connor: Eine selbstständige Frau

Kurzgeschichten über banale menschliche Begegnungen, gut geeignet für zwischendurch, zum Beispiel beim Kartoffeln kochen oder beim Haare föhnen. Die Schreibe wirkt ein bisschen staubig, aber an keiner Stelle langweilig. Dafür bleibt sie allerdings auch nicht wirlich hängen.


E. M. Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein

Dieses Buch enthält ausschließlich Aphorismen und Gedanken, die wir bunte Kieselsteine in einem Flussbett ein bisschen unter den Füßen schmerzen, wenn man darauf tritt. Bekannt ist wohl, dass ich in der Regel mit Bleistift lese, um mir prägnante Textstellen oder Zitate zu markieren. In diesem Buch hab ich so viel traurig Wahres gefunden, dass es von Unterstreichungen nur so wimmelt. Viel Aufmunterung hat es daher nicht im Gepäck, stattdessen setzt es das eingerostete Gerät hinter der Stirn in Gang, das plötzlich wieder rattert und rauscht und mitreden möchte, wenn es um Weltsichten geht.


Manfred Lutz: Irre! Wir behandeln die Falschen - unser Problem sind die Normalen!

Eine kurzweilige Reise durch die Psychologie und Psychiatrie, die nicht nur voller Wissen steckt, sondern auch jeden ungeheuer aufbaut, der nicht gerade zu den schrecklichen, unbedingt behandlungsbedürftigen Normalbürgern gehört und immer das Gefühl hat, ein klitzekleines bisschen falsch auf dieser Welt zu sein. Diese neue Sicht auf die sogenannten psychisch Kranken und ihre spezifischen Leiden ändert auch den eigenen Blick bei der Lektüre um nicht weniger als 180 Grad.


Brigitte Hamann: Elisabeth

Fett - das Buch, meine ich. Damit könnte man wohl sogar eine Ratte erschlagen. Eine Biografie der Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, die in den unerträglich schmalzigen Sissi-Filmen so ungehemmt falsch dargestellt wurde. Ein bisschen Geschichtslehrbuch, ein bisschen Abenteuerroman, ein bisschen Drama, ein Hauch von hoheitsvoller Bewunderung und fertig ist das äußerst interessante Machwerk. Nein, im Ernst - ich denke, gerade vor dem Hintergrund der körperlichen und psychischen Beschwerden, die von der Kaiserin auf der Erbse überliefert sind, ist es lobenswert, dass hier darauf verzichtet wurde, ein möglichst schillerndes Bild zu malen, sondern dass das Buch eher den Versuch unternimmt, dieser schwierigen Persönlichkeit hinter die Fassade zu schauen. Angereichert ist das Buch außerdem mit zahlreichen Gedichten Elisabeths, die offenkundig Heine-artig werden sollten, aber trotz adligen Geblüts grottenschlecht sind. Die Figur Sisi (mit einem "s"!) wird dem Leser dennoch auf einfühlsame und recht vielschichtige Weise nahe gebracht.