Gesellschaftsspott-Sternstunde: Hagen Rether (11/10)
Lieber Hagen Rether, das Erstaunlichste an dir – und du bist wirklich hammermäßig gut –
ist dein Publikum! Da sitzen die Intellektuellen, die Toleranten und die Aufgeklärten zu
Hunderten vor der Bühne, auf der du dein bissig-böses, zum Brüllen komisches und erst auf den
zweiten Blick zum Heulen ernstes Programm absolvierst, und klopfen sich Tränen lachend auf die
Schenkel, schütteln atemlos die Köpfe und werden später ihren Freunden erzählen, sie hätten einen
unterhaltsamen und anspruchsvoll-witzigen Abend gehabt. Sie verstehen nicht, dass sie Teil des
missliebigen Bündels sind, über dem du charmant deine Häme ausschüttest; sie empfangen die Bananen,
die du ins Publikum wirfst, mit herzlicher Freude und vergessen deine Mahnung, jeder solle sich
erstmal an die eigene Nase fassen, sobald sie den Theatersessel verlassen haben.
Hagen, dein Auftritt in Bremen im Oktober 2010 war ein Hochgenuss für jeden,
der Humor in allen Facetten liebt! Deine feinsinnige Gesellschaftskritik saust wie ein Herbststurm
durch alle Synapsen und dein Publikum ist ein dankbares: Wenn dein Spott sacht und subtil sämtliche
politischen und menschlichen Ebenen streift, brüllt es vor dumpfem Vergnügen, wenn er herzlich direkt
und derbe die political correctness vom Parkett fegt, lachen sie über die von dir auf originelle Weise
präsentierten Missstände, als deren Mitverursacher sie sich nicht fühlen. Es sind nicht nur FDP-Wähler
und eingefleischte Katholiken, denen du mit musikalischer Raffinesse eins auf die Mütze gibst – wir alle sind die Affen, die du mit
deinem Humor fütterst! So ist der Mensch – er lacht über die Fratze, die ihm im Spiegel entgegengrinst, weil dieses
fremde Gesicht so lustig ist, und darüber hinaus doch auch nicht lebensnah, nicht echt, immer das eines anderen.
Aber weißt du, du musst sie auch verstehen, diese Menschen. Sie sind zu bescheiden, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Sie lieben Schelte, auch wenn es eine satirische ist, nur dann, wenn sie sich auf die Reichen und Mächtigen stürzt. Deine Themen,
querbeet und vielfältig, sind ein Abbild unserer Gesellschaft, nicht nur des korrupten Haufens da oben in den Regierungen und
Chefetagen, sondern auch unserer eigenen Reihen.
Trotzdem: Deine Appelle verrauchen nicht. Sie setzen sich fest, bleiben hängen, leisten im Unbewussten geduldige und wertvolle Arbeit.
Deine Show hat mich den Humor neu entdecken lassen, den ich nach all den Mario Barths, Paul Panzers und wie sie alle heißen fast schon
verloren glaubte. Ich mag die Bitterkeit, die du mit einem Lächeln vermittelst. Ich mag auch das Leichtflügelige, deine Lust am Wort,
dein Talent, den Finger in Wunden zu legen und dafür Gelächter zu kassieren. Ich mag das durchdachte Konzept: Die symbolgeschwängerte,
scheinbar sinnlose Tätigkeit des Flügel-Abstaubens, die versinnbildlicht, was auch Ziel deines beiläufig wirkenden, stundenrunden
Plauderns ist – das ewige Bearbeiten fremder Hirne mit frischen, neuen, frechen Gedanken. Die musikalische Begleitung, zuweilen
sparsam, zuweilen angenehm penetrant, immer passend. Die Sache mit den Affen und den Bananen, von denen wir uns kaum mehr unterscheiden,
als dass wir von dem unschicklichen Gelause abgelassen haben. Und diesen Funken sprühenden Witz, der alle Nuancen durchbebt. Oft habe
ich auch gelacht, na klar, deswegen sind wir ja in deine Show gekommen! Manche Momente saß ich aber auch mit großen Augen, staunend,
nicht fassen könnend, dass du sie wirklich so klar und offen aussprichst, die Wahrheit, die auch weh tut. Neben der Schadenfreude
gegenüber den mit dem humoristischen Fallbeil Geköpften nehme ich auch diesen leisen Schmerz mit aus deiner Show. Wir sind mit
unserer Welt und unserer Weisheit ein bisschen am Ende.
Übrigens: Ich hab wahnsinnige Angst davor, dass die bösen Kommunisten mich holen kommen. Klopfen die an, wenn sie jemanden
heimsuchen oder räumen die einen eher so still und leise und mit sanften (= weitgehend legal gemachten) Mitteln zur Seite,
wie der Verfassungsschutz?
Herzlichen Dank an Jürgen für die Karte und an meine beiden Begleiter für diesen wunderbaren, erhellenden und das linke Herz
tröstenden Abend! Frau fühlt sich großartig, wenn sie links und rechts neben sich einen (selbstständig denkenden und netten!)
Typen sitzen hat und das Unterhaltungsprogramm sich wohltuend von der
(überwiegend hochgewürgte Galle produzierenden) Medienbranche abhebt!
>>> Zur Website von Hagen Rether
Foto: de.academic.ru