Das eigene Leben ein verhasster Fremder - Die Schriftstellerin Caroline Muhr (10/10)




Nur drei Romane konnte diese großartige Schriftstellerin, beenden, bevor sie sich 1978 nach jahrelangen schweren Depressionen das Leben nahm. In dem 1970 veröffentlichten autobiografischen Tagebuchroman „Depressionen“ berichtet Muhr (eigentlich Charlotte Puhl) minutiös, fast nüchtern und sehr bildhaft von diesem alles unter sich begrabenden Gefühl, durch das die (damals wenig erforschte) Krankheit das gesamte Leben zur Qual macht. Sie schildert nicht nur ihre Innenwelt, sondern auch die zahlreichen fragwürdigen und zweifellos wirkungslosen Therapiemethoden, mit denen sich Angehörige der Weißkittel- und Seelenklempnerzunft tierversuchsgleich an ihr erprobten.

Ich finde, hier ist ihr etwas Wunderbares und Unglaubliches gelungen: Die Empfindungen eines Menschen, der an Depressionen leidet, sind eigentlich unbeschreiblich, Außenstehende können sie nie nachvollziehen. Für „Gesunde“ ist die verschütterte, schlammschwere, leichenblasse Gedankenwelt eines Depressiven rätselhafter und undurchschaubarer als jedes andere Mysterium. Caroline Muhr ist es nicht nur gelungen, neben sich selbst zu treten und sich selbst mit kühlem Blick zu beobachten, sie hat es auch geschafft, in Worte zu kleiden, was eigentlich nur wabernder, nebliger, verwirrender Gedankensumpf ist.

Freilich lässt das Wissen, dass es ihr letztendlich doch gelungen ist, sich (wie angekündigt) umzubringen, nachdem sie sehr sachlich über die verschiedenen Selbstmordmöglichkeiten sinniert hat, erschaudern. Das Buch muss auf Menschen, für die Depressionen nur ein wenig aussagender, abstrakter Begriff ist, erschreckend hoffnungslos und beklemmend wirken. Für jemanden, der die geschilderten Empfindungen und das damit verbundene, nach wie vor existierende Unverständnis der Außenwelt aus eigener Erfahrung kennt, ist die Geschichte so etwas wie ein Nachhausekommen nach langen Jahren in einer beängstigenden Fremde.

Bei „Freundinnen“ war ich skeptisch, der Text dazu klang zu sehr nach typischem Frauenroman und das Cover (Ullstein-Ausgabe) – ein lasziv glotzendes weibliches Wesen mit kirschlolliroten Lippen und einem lächerlichen „Nimm-mich“-Blick – hätte mich fast davon abgehalten, überhaupt hineinzulesen. Gut, dass ich es trotzdem getan habe – und nur, weil es das letzte Buch war, was aus mir aus Muhrs schmalem Werk noch als ungelesen geblieben war.

Es ist die Geschichte von zwei seit Kindertagen befreundeten Frauen, die jede auf ihre Weise in der patriarchalisch geprägten Welt nicht zurecht kommen und einander die einzige Stütze sind. Jede von ihnen hat andere Grenzen, an die sie stößt, die eine als vierfache Mutter und Hausfrau, deren Individualität und Kreativität im Alltag mit einem stumpfsinnigen Gatten verkümmert, die andere, die zwar berufstätig und finanziell unabhängig ist, deshalb aber noch längst nicht von der Gesellschaft anerkannt und respektiert wird. Lern- und Erkenntnisprozesse sind beschrieben, eingebettet in ein Geflecht aus Erinnerungen und scheinbar belanglosen Alltagserlebnissen. Die sprachliche und textuelle Gestaltung ist wunderschön und anspruchsvoll, angereichert mit Abstechern in die deutsche Geschichte, Kultur, Kunst und Ästhetik.

Immer wieder wird auch der Tod thematisiert, symptomatisch bei Muhr, aber in diesem Zusammenhang außerordentlich passend, denn das Buch schafft den Brückenschlag zwischen dem unabänderlichen Gestern, dem fragwürdigen Heute und dem ungewissen Morgen. Der Leser wird von sehr lebendigen Bildern geradezu überflutet, die üppig und farbig, aber nicht schmalzig sind. Allerdings ist der Verlauf der Geschichte ernüchternd, es bewegt sich an einer Realität, die wenig Raum für Träume und Hoffnungen lässt. Frauen wie diese mag es tausendfach in den Sechziger und Siebziger Jahren gegeben haben. Sie fochten einen Kampf aus, von dem man meinen könnte, er sei heute mit der ach so fortgeschrittenen Gleichberechtigung gewonnen.

In Wahrheit – und das ist das Bittere daran – sind wir heute keinen einzigen Schritt weiter als damals. Wir stecken mit den Füßen in demselben reaktionärem Gesellschaftsschleim fest wie Generationen von Frauen vor uns. Uns gängeln und schikanieren die gleichen Fesseln. Wir stehen nach wie vor unter unglaublichem Druck, weil Ansprüche und Maßstäbe an uns herangetragen werden, die wir unmöglich erfüllen können. Und alte Rollenbilder sind leider keine unangenehme Erinnerung, sondern auch heute noch traurige Realität. In gewissem Sinne sind wir sogar noch schlimmer dran als damals, denn wir verbergen unsere Wünsche, unsere Bitterkeit und unsere Wut hinter dem Selbstbetrug, mit dem wir uns vormachen, wir hätten doch alle Möglichkeiten und damit auch kein Problem mit unseren Rollen in der Gesellschaft, auf die man uns verweist. Im Gegensatz zu damals, als unter den Frauen angesichts ihrer Situation immerhin noch eine gewisse tröstende Solidarität geherrscht hat und den Frauen auch bewusst war, dass sie sich, egal, wie sie handeln und gegensteuern, aus ihrer prekären Lage nicht zu befreien vermögen, ist unser verzweifeltes Strampeln im Meer der unerreichbaren Möglichkeiten heute lächerlich bis armselig. Uns ist nicht einmal mehr die Hoffnung auf eine andere Gesellschaft geblieben, nicht einmal das.

Muhr hat das vorausgeahnt, wie es scheint. Sie beobachtete mit geschärften Sinnen und lieferte ein Bild von der Gesellschaft, das traurig und nachdenklich macht. Wenn man bedenkt, wie lange dieses Manuskript schon existiert und dass sich seither nichts geändert hat – außer der die Dinge noch verschlimmernden Tatsache, dass Frauen zumindest soweit in der männlich dominierten Gesellschaft angekommen sind, dass sie das rücksichtslose Ellenbogenstoßen der Männer nicht mehr in Frage stellen, sondern in weiten Teilen erfolglos zu kopieren versuchen – kann man eigentlich nur noch fassungslos den Kopf schütteln.

„Huberts Reise“ ist Muhrs letztes Buch. Es lässt das Bedauern darüber, dass das Werk dieser Autorin nicht mehr durch weitere Manuskripte bereichert werden konnte, besonders heftig aufwallen, denn diese Geschichte des Regierungsamtmanns Hubert Hemmel, Familienvater in den besten Jahren und überzeugt davon, todkrank zu sein, ist ein wahres Kleinod, in menschlicher wie literarischer Hinsicht.

Muhr lässt uns das Martyrium des Mannes, der überzeugt ist, dass er in Kürze sterben muss, miterleben, als wäre es unser eigenes. Die Handlung ist einfach, fast banal, chronologisch aufgebaut und schnörkellos. Umso deutlicher macht diese Struktur, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht als um atemlos spannende Action oder vielfach verschachtelte Geschichtchen und Geschichten: Es ist ein Entwicklungsprozess von der wachsenden Todesangst eines Mannes über die Klimax des misslungenen Selbstmords bis zu jenem Moment, als er die ärztliche Diagnose erhält, die seine Ängste Lügen straft. Entscheidend ist dabei die Gedankenwelt des Mannes, die uns ein unaufhörlicher Bewusstseinstrom mitteilt, seine Wahrnehmungen und Beobachtungen, die sich verändern, sein Blick auf die Welt, seine Gefühle der verschiedensten Art. Hinzu stoßen zwischenmenschliche Beziehungen in Beruf und Familie, Entscheidungen, Verantwortlichkeiten, Wünsche und Sorgen. Hemmel ist durch und durch Mensch, manchmal albern, manchmal melodramatisch, manchmal simpel, manchmal heroisch.

Erstaunlich ist vor allem, wie geschickt und herzlich sich der immer wieder aufbrandende Humor in die Geschichte einfügt, obwohl er eigentlich angesichts der Ernsthaftigkeit der Sache als unangebracht empfunden werden müsste. Das ist er nicht. Er ist zum Schießen und zuweilen voller erfrischender, aber niemals beißender Ironie. Und auch die Aussage des Romans widerlegt die Theorie vom ewig verlorenen Wanderer, denn auch und gerade für Lebensfreude und Tatkraft ist in diesem Roman viel Platz. Sprachlich und gestalterisch findet sich in dem gesamten Buch nicht ein einziges hohles Klischee. Es liest sich so, wie ein handgeknüpfter Teppich durch die Finger gleitet: rasch, weich, ehrfürchtig und ein unfassbar tiefes Gefühl von Zärtlichkeit hinterlassend. Mich hat sehr erstaunt, dass dieses letzte Buch einer Selbstmörderin so viel Hoffnung und Wärme ausstrahlt. Wäre ihr selbst davon doch nur mehr im Herzen geblieben.