The finder of my Seraphim - Gestern Abend in Bremen: Deine Lakaien – Erste Reihe! (10/10)



Das „Modernes“ ist nicht groß, für ein Konzert war es daher wieder ein eher kleiner, um nicht zu sagen fast intimer Kreis. So kuschelig, dass man im Vorfeld bei einem Glas (Plastikbecher) Wein sogar ins Gespräch miteinander kommen konnte. Dieses Mal gab es mit Vic Anselmo aus Lettland, die mit starker Stimme und hingebungsvoller Pianobegleitung Lieder aus ihrem ersten Album „Trapped in a dream“ und dessen gerade in der Entstehen begriffenen Nachfolger präsentierte, eine Einheizerin. Ein sympathisches, hübsches Mädchen, das stimmlich und äußerlich (wildbunte Mähne, eng anliegendes Spitzenkleid in weiß – eine schüchtern lächelnde und mehrfach „Thank you“ hauchende Nachtbraut) ein bisschen an Dominique Persi (Stolen Babies) erinnerte. Romantische Klänge zur Einstimmung also, sie selbst wirkte bei ihrem Auftritt, als schwebe sie zuweilen in anderen Sphären und verschwand, schneeflockengleich und anrührend, wie ein Blitz von der Bühne.


Als Deine Lakaien und Band (Gitarre, Violine, Kontrabass) ganz stilecht mit „On your stage again“ ihre Indicator-Show begannen, fiel mir noch auf, dass der Platz direkt vor der Bassbox vielleicht doch ein gewöhnungsbedürftiger ist; meine Hosenbeine flattern, meine Freundin stopft sich geknüllte Taschentuchfetzen ins Ohr, neben uns wird über einen drohenden Milzriss geflachst, ich kann die Musik mit den Händen greifen. Ton um Ton donnert in unsere Mägen und Köpfe und Füße. Doch dann denke ich nichts mehr, denn beim Anblick Veljanovs setzt sich ein einziger, äußerst hartnäckiger Gedanke mantragleich ins Hirn und ist auch nicht mehr von dort zu vertreiben: „Wie schön seine Augen doch sind!“ Im Nachhinein ist das eigentlich genauso peinlich wie die verschmierte Schminke bei „Blue heart“, ich meine, ich bin keine fünfzehn und Deine Lakaien sind keine muskelgestählten, ständig schief grinsenden Boyband-Mitglieder, die mit ihrem Sexappeal seichten Pop verscheuern, sondern echte Größen in der Szene mit Substanz. Vielleicht war es die Stimmung, bei Lakaien-Konzerten in der Regel verhaltenen, aber echten Genuss vermittelnd, nicht überströmend, sondern ausgesucht zurückhaltend, tiefgehend. Vielleicht war es das Album selbst, das mich ja schon im Vorfeld auf eine ganze eigene Weise berührt hatte und mehr als jedes andere Album zuvor. ( >>> "Eine aus Klängen gewebte Decke, mächtig und zauberhaft" - Zur Albumrezension) Vielleicht war es die Tatsache, dass Horn sich am Keyboard pausenlos einen abgrinste und sogar Veljanov ungewöhnlich häufig lächelte. Es ist ja schon an sich irre, wie sehr man sich über ein schlichtes Lächeln freut, wenn jemand den Märtyrerblick kultiviert hat, eben die Bestätigung: Er kann es ja doch!


Die Band präsentierte zweieinhalb Stunden und unter reichlichen Zugaben zahlreiche Lieder aus dem Album „Indicator“, aber auch einiges an Altbekanntem, etwa „Mindmachine“, "Overpaid" oder "Reincarnation". Das Eigenartige: Live wirken die Songs, von denen ich mir sicher war, ich hätte sie in meiner Rezension so beschrieben, wie ich sie empfinde, wieder ganz anders, und nicht nur, weil die Gruppe sie in der Regel auf der Bühne bewusst variiert! Nicht ausschließlich der Klang, auch die „Ausstrahlung“ der Stücke ist eine andere, schon vertraut, aber auch irgendwie reizvoll fremd. Ein bisschen Entertainment ist natürlich auch immer dabei: Die fast provokative Lässigkeit eines Ernst Horns, der meisterhaft auf dem Grat wandelt, die musikalische Gestaltung als etwas mit viel Selbstverständnis aus dem Ärmel Geschütteltes zu liefern, ohne es seiner Größe und Kunstfertigkeit zu berauben. Ein Alexander Veljanov, der gemessenen Schritts im Rhythmus der Musik die Bühne einnimmt, ein bisschen Genie, ein bisschen Graf Dracula und sehr menschlich. Sehr viel Witz, Situationskomik eben, das Spiel mit der Stimme, trocken geäußerte Kommentare, die gar nicht erst so tun, als würden sie unermessliche Weisheiten verkünden wollen. Authentizität, Nähe, Grimassen bei falsch gespielten Tönen (Ja, die gibt es auch bei den Lakaien). Und, das möchte ich mal betonen, ich habe noch kein Konzert anderer Bands erlebt, auf dem sich von den Künstlern so oft und herzlich beim Publikum für Aufmerksamkeit und Applaus bedankt wird, wie es die Lakaien tun. Das mag eine Kleinigkeit sein, aber ich finde, eine Band, die ihre Zuhörerinnen und Zuhörer in dieser Form wertschätzt, hat es auch verdient, dass man seine sauer verdienten Kröten in CDs und Konzertkarten investiert.


Es dauerte auf diesem Konzert auch nicht sehr lang, bis das kam, was ich (ein bisschen einfallslos und zweifelsfrei unigeschädigt) den Faustschen Moment nenne: Der Augenblick, an dem man laut herausbrüllen möchte: Augenblick, verweile doch... und so weiter, Mephisto lässt grüßen. Ich hatte einmal, in einer Zeit, als ich mich sehr verletzlich fühlte, einen Traum: Ein Engel (schwarz, zartgliedrig, mit weichen Zügen) beugt sich über mich, die riesigen Flügel werfen lange Schatten, die Nacht wird noch dunkler und der Engel, (den es nach meiner Ansicht "in echt" nicht gibt), greift mit beiden Händen in meine Brust hinein, gleitet durch Haut und Rippen und umfasst mit dunklen Fingern mein rastloses Herz. So lange er die Hände dort belässt, umgibt mich ein Gefühl von Zufriedenheit, Angekommensein, Geborgenheit. Ich kann wieder frei atmen und das Herz schlägt ruhig in diesen schwarzen Händen. Einmal mehr weiß ich nun, dass ich diese „Engelbegegnung“ in nichts anderem finden kann, als in dem Mysterium Musik. Dieser Musik. Das ist auch der Endpunkt einer langen Suche mit vielen enttäuschten Erwartungen. Dafür sage ich vielen, vielen Dank. Und dieses Gefühl ist ein nachhaltiges: Obwohl ich heute aussehe, als hätte mich der Höllenschlund höchstselbst mühsam hochgewürgt (wenig Schlaf, früh ins Büro), umgibt mich doch dieser silbrige Hauch, den nur ich selbst sehen kann. Er erinnert ein bisschen an den sacht schimmernden Lebensfaden aus Stephen Kings „Insomnia“ und ich kann ihn jederzeit zum Strahlen bringen: CD rein, Augen zu und schon kommen Licht und Musik und Trost zurück.

Zum Schluss eine Entschuldigung: Lieber Alexander, es tut mir leid, dass ich dir so penetrant ins Gesicht geblitzt habe. Fünftausend Jahre Belichtungszeit und dein Bewegungsdrang sind einfach keine gute Mischung.

>>> Zur Website von Deine Lakaien

>>> Zur Website von Vic Anselmo

Hinweis: In diesem Artikel habe ich wissentlich sämtliche journalistische Grundsätze missachtet, liebe Leserschaft. Aber Regeln, (sachlich, objektiv, neutral – bitteschön?), sind dazu da, um gebrochen zu werden, nicht wahr?