Der Meister schenkt uns eine Rabenfeder: ASP in Bremen (10/10)
Ist es Zufall, dass es schon wieder ein Alexander ist, dem es mit Leichtigkeit gelingt,
sich mitten in die Seele singen? Vermutlich verteilt das Schicksal an die Alexanders dieser Welt
bei der Geburt ein unverschämt wandelbares und eindringliches Organ. Als dieser Alexander
vergangenen Donnerstag im Bremer Aladin auf die Bühne trat (kahlköpfig, ärmellos, schwarzer Rock, Schnallenstiefel),
kochte die Halle augenblicklich. Er verschenkte Rabenfedern und einen Sound, wie man ihn nur selten hört,
diese außergewöhnliche Mischung harter, im Magen donnernder Bässe und zärtlicher Balladen, oft sogar in ein und
demselben Lied. Und er hatte sie alle im Griff: Der Meister lächelt hinter schwarzen Lippen – die Menge jubelt.
Der Meister schwenkt eine Fahne (die Rabenfeder, das Mikro, den Mikroständer) – die Halle tobt. Der Meister
wischt sich heftig atmend den Schweiß von der Stirn – die Anwesenden tanzen im Gleichschritt, als wären sie
eine organische Masse, die wabert und pulsiert. Stakkato-Blitze, über die Decke gleitende Lichtreflexe,
Farbenexplosionen aus den Scheinwerfern – die Stimmung übersteigt das Beschreibbare. Der Meister fegt mit
einer Handbewegung gebieterisch über den begeisterten Lärm hinweg – und plötzlich herrscht Totenstille,
als habe er einen Schalter gedrückt.
Zweieinhalb Stunden präsentieren die Zauberbrüder ASP ihre größten
Hits quer durch die Jahre, geben Zugaben, stellen sich nachher für Autogrammstunden und Fototermine zur Verfügung.
Eine Band, die ihre Bewunderer schätzt. Diese Bewunderer danken es den Musikern mit einer Stimmung, die ich in
vergleichbarer Form noch nie auf einem Konzert erlebt habe. Da ist nichts bescheiden oder verhalten, die Gefühle vieler Menschen
schwirren so greifbar durch die Luft, dass man sie in Scheiben schneiden könnte. Meister ASP, der schönste aller schwarzen
Schmetterlinge, gibt die Zeile vor – ein Chor skandiert mit entzückender Heftigkeit: "Wir wollen brennen!" und „Land unter!“
Ja, in Bremen ist Land unter, man trifft sich in einer verwinkelten Gruft, in der es von vielfach mitsingenden Stimmen die Spinnweben von den Wänden reißt!
Alexander Spreng ist ein Phänomen. Nicht nur, dass sein Gesang vom ersten Ton an fesselt und seine
Performance eine reine Lust fürs Auge ist – er hat, massig und gewichtig, eine Ausstrahlung, die
selbst in der Alternativen Szene wie die Nadel im Heuhaufen gesucht werden muss. Schon bevor er den
ersten Ton von sich gegeben hat, flippen Menschen aller Geschlechter völlig aus, dafür reicht ein
Blick oder eine Handbewegung. Mimik, Gestik und Stimme ergeben eine Einheit, die spontan, authentisch
und absolut selbstbewusst wirkt. Die Lightshow ist bis ins letzte Detail auf Musik und Texte abgestimmt,
die Texte könnten sich neben einem Herrn Hölderlin oder einem Herrn Brentano sehen lassen, die musikalische
Gestaltung ist breitgefächert. Fester, härter, lauter geht nicht, denkt man – und gleich darauf: Himmel,
wie sanft er doch auch sein kann! Herausragend sind bei dieser Band vor allem auch die Rhythmen, manchmal
im Takt des eigenen Herzens, manchmal verstörend, manchmal harmonisch und manchmal erfrischend stolpernd, aber nie gleichförmig.
„Gothic Novel Rock“ nennt sich das Ganze nach original ASP-Aussage und ich finde es sehr angebracht,
dass man für diese Form von Musik eine eigene Bezeichnung gewählt hat.
Ich habe lange nach meinem persönlichen Dreiklang gesucht, um mein ganz eigenes Siegertreppchen mit den in meinen
Augen besten Stimmen zu bestücken: Zwei der drei Plätze sind seit vielen Jahren besetzt von Steve Barton (†) und
Alexander Veljanov – der andere Platz blieb mangels Überzeugung lange frei. Nach meinem ersten (und in diesem Jahr noch nicht letzten!)
ASP-Konzert besteht kein Zweifel mehr: Die Medaille goes to Alexander der „wahre Satan“ Spreng!
Besonderen Dank hat wieder Volker verdient, der die Bestellung im Internet (Karten) und beim Universum (Sitzplatz nahe der Bühne)
übernommen und mich trotz unwilligen Kniegelenks begleitet hat. Über diesen Ausflug konnte ich mich zweimal freuen: Vor Monaten,
als die Entscheidung dafür fiel und vor wenigen Tagen, als klar war, dass wir tatsächlich auch hinfahren! ASP – see you in Osnabrück!
Anspieltipps:
Schwarzer Schmetterling
Nie mehr
Und wir tanzten
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