Eine aus Klängen gewebte Decke, mächtig und zauberhaft: "Indicator" von Deine Lakaien (09/10)
Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir Sicherheit und Zuversicht vermissen,
uns nach dem Sinn dessen, was wir denken oder tun, fragen, sorgenvoll in die Zukunft
blicken – kurz: in denen wir einen Freund brauchen, jemanden, der uns in den Arm nimmt und
glaubhaft versichern kann, dass auch wieder bessere Zeiten kommen.
Oft finden wir diesen Freund in einem Menschen, der uns nahesteht, manchmal
in einem Brief oder einem Lächeln oder einem Gespräch. Die Mutigeren unter uns
entdecken diesen Freund auch in einem Buch, einem Gedicht oder einer Tätigkeit,
die uns ausfüllt. Das Erstaunliche ist, dass dieses Gefühl, von einem Freund umarmt zu werden, nun auch von dieser jüngst erschienenen CD ausgeht,
auf deren Lieferung ich seit Wochen gewartet hatte.
Die Lakaien sind seit Jahrzehnten im Geschäft, äußerst erfolgreich, nicht unumstritten, aber
immer selbstbewusst und auf eine erfrischende Art eigensinnig.
Es war klar, dass sie auch diesmal ihr Ding durchziehen und nur etwas veröffentlichen würden,
von dem sie selbst überzeugt sind. Nach dem ersten Durchgang im Player denkt man:
Sauber! Perfekt durchkomponiert, experimentell ohne jeden Schnörkel und jede Theatralik.
Weitgehend elektronische Klänge, die von Veljanovs Stimme souverän getragen werden, aufgehübscht mit herkömmlichen Instrumenten,
abwechslungsreiche Rhythmen, ein in sich rundes Werk. Damit hat der Zuhörer auch gerechnet.
Man ist ja verwöhnt, denn was Ernst Horn und Alexander Veljanov anpacken, ist in der Regel
packend, ob nun opulent, minimalistisch, eingängig-poppig oder offensichtlich aus jedem Rahmen
fallend wie das durchgeknallte „Battle of the ghost“ oder das nicht minder verrückte „Death-raft“.
Dann hört man das Album noch mal und noch mal. Und noch mal. Wie man einen Menschen Stück für Stück
näher kennen lernt, so bewegt man sich auch auf dieses Album zu. Und plötzlich kommt es, völlig
überraschend, dieses Gefühl von Geborgenheit. Es ergibt sich durch die meisterhafte Verknüpfung
von musikalischer Gestaltung, einer Stimme, die in sich selbst ruht und Texten, die mächtig in
charmant komprimierter Weise vermitteln, was auf unserer verrückten Welt eigentlich los ist.
Eine aus Klängen gewebte Decke ist dieses Werk, mal atmosphärisch dicht, mal seidig zerfließend,
immer eindringlich, kraftvoll, ein Wechselspiel zwischen lauten und leisen Tönen, das verrät,
dass Flüstern und Schreien irgendwie doch Kinder derselben Familie sind.
Der Opener One night kommt zunächst balladenhaft daher,
aber der Eindruck macht bald einem anderen Platz:
Meisterhaft wurde hier futuristisch Anmutendes mit altertümlich Fernem
verbunden. Der Song klingt wie ein Burgfräulein, das sich
plötzlich ratlos im Independence-Day-Raumschiff wiederfindet oder
wie ein Science-Fiction-Held aus dem Jahr 3017, der eines Morgens in einem mittelalterlichen
Festungsgraben wach wird und sich fragt, wie er dahingekommen sein mag.
Diese reizvolle Mischung zwischen nostalgisch Altem und eigenartig Zukünftigem zieht sich im
Übrigen durch das ganze Album.
Heftiger zur Sache geht es schon bei Who’ll save your world, Veljanov stellt Fragen,
denen man nicht ausweichen kann, steigert sie im Refrain zu einem unmissverständlichen Appell.
Der kraftvolle Sound wird auch in Gone beibehalten, wechselt sich
allerdings mit Phasen des Zauderns und Zweifelns ab. Es ist, als würde jemand den Finger auf die Lippen legen,
um gleich darauf wieder so heftig vom Stuhl springen, dass er umkippt.
Ganz fremd und damit das Thema auch musikalisch umsetzend mutet Immigrant an,
eine zurückhaltende musikalische Umrahmung, die von aufflackernder Wildheit durchbrochen wird,
aber durch den warmen Tonus im Chorus an Härte verliert.
Streicher und Percussion unterhalten sich in Blue Heart, der Refrain zerfließt zu einer lieblichen,
samtigen, kraftvollen Melodie, die einer tröstenden Umarmung gleicht.
Meisterhaft auch hier wieder der Text, nie wirken die Worte fehl am Platz oder die Reime erzwungen.
Auf das Leave behind dusty backyards - Come with me möchte man erwidern: "Na klar, sofort!", aber das muss man eigentlich nicht,
man ist ja schon da. Zwei Pole eines Ganzes – jemand, der etwas schafft und jemand, der das Geschaffene ins Herz schließt – was für ein wundervoller Weg,
ganz Mensch unter Menschen zu sein! Das traurige Herz erfährt Linderung und Hoffnung – nicht die schlechteste Möglichkeit,
um den Blick wieder nach vorn zu richten.
Europe besingt Veljanov größtenteils in französisch,
wunderschön elegant formuliert. Der Song ist eruptiv, fordernd, verheißungsvoll und mit scheinbar ruhigen Sequenzen,
die sich jedoch als trügerisch erweisen, weil sie einem den Eindruck von etwas ständig Lauerndem vermitteln.
Mit Along the road nehmen uns die Lakaien mit auf eine Reise unter Wasser,
Wasser als Sinnbild der Seele, denn während textlich eine eigentlich simpel
beschriebene, aber sehr wahre Innenschau vorgenommen wird, orientiert sich auch die musikalische Begleitung
an dem Auf und Ab des Meeres. Jedes Abtauchen in das eigene Innere, ob schwer auf den Schultern lastende Stille oder mühsamer Kampf,
ist ein Kräftemessen mit der See und die Streicher künden davon: Melancholie ist ausdrücklich erlaubt.
Without your words macht unbefangen: Hallo Echo, Hallo Fremder, Hallo Streicher – die Leere füllt sich.
Unvertraute Töne, die sich da ins Gehör schleichen, so, als ob die Künstler mal eben lustvoll ausprobiert hätten, was man eigentlich so alles für
Geräusche erzeugen kann. Die Assoziation: eine Spieluhr in einsamer Nacht, ein Kinderkarussell auf dem Jahrmarkt,
Blumen, die ihre Blütenblätter fallen lassen, Kinderfüße auf dem Asphalt oder Musikunterricht im Waldorfkindergarten:
Jeder macht den Ton, auf den er gerade Lust hat und danach tanzen wir alle unsere Namen.
Six o’clock – mein Lieblingsstück auf dem Silberling. Veljanov hat es selbst als ein „wütendes Lied“ bezeichnet.
Und in der Tat, von ersten Satz an schlägt hier jemand Fäuste gegen eine Mauer,
zieht jemand mit heftig abwehrenden Handbewegungen klare Grenzen, zornig und bitter,
aber keineswegs verbittert. Es scheint, als klänge die Stimme noch eine winzige Nuance
dunkler als sowieso schon, aber das mag Einbildung sein, weil das Dunkle so schöne Schauer über den Rücken jagt.
Go away bad dreams lässt sich nicht fassen, es entwischt irgendwie immer.
Ich sehe dabei: Landschaftsreisen. Geier über einer öden Wüste, Fischschwärme vor Korallenriffen,
Brodeln in einem Vulkan, der erloschen scheint. (Nein, ich bin nicht bekifft.)
In diesem Lied erhalten die Lakaien eine Stimmung aufrecht, die so konfus macht,
wie es schlechte Träume auch tun: Im Laufschritt immer nah am Abgrund, Gewitterwolken, die sich zusammenballen,
sodass man auf das erleichternde Donnern wartet – und dann: Versiegen. Der reinigende Sturm bleibt aus.
Das wellenartig auf- und abwogende, eine Spur metallige On your stage again wird jeden Lakaien-Liebhaber zum Lächeln bringen.
Horn und Veljanov schlicht: "Hier ist das, was wir tun. Ihr da draußen seid ein Teil davon." Die Antwort: "Hey, hier bin ich ja – und: Danke."
The old man ist dead schließlich ist noch einmal ein Seelenhammer.
Obwohl das Intro sanft beginnt, erinnert bereits der regelmäßig fallende Wassertropfen an die
Vergänglichkeit des Lebens. Das marschartige Klopfen und Stampfen, das zwischendurch wieder verklingt,
lässt an eine laut tickende Uhr denken. In den englischen Text werden deutsche Worte eingestreut,
die mir besonders zu Herzen gingen: Zehn Jahre nach dem Tod meines Großvaters, der sein Leben
wissentlich mit Nichtigkeiten verschwendet hat, lieferten mir zwei Fremde den einen und einzigen Satz,
der am Tag der Beerdigung vor dem offenen Grab der richtige gewesen wäre, nur fiel er mir nicht ein: "...und jetzt, kleiner Krieger ist es spät, time to go to bed“.
Die Trauer um Versäumtes, eine Rückschau, ein Seufzen, eine Sehnen und aus dem Stück
fliehende Schritte im Schnee – Hier wird der Gedanke an Sterben und Tod in vielen Facetten ein
Stück weit diesseitiger, denn Horn und Veljanov haben ihn hörbar gemacht.
Young 2010, mein zweiter Liebling auf der Platte hat was von Demo, Straßenkampf,
wehenden Fahnen und forschen Schritten. Dreistimmig der Gesang mit auffordernden Zwischenrufen.
Wenn man die Augen schließt, sieht man eine leere Werkhalle, Glas und Stahl und Beton und oben auf
dem Podest eine stolze Gestalt, die mit geballter Faust von einer nichtkirchlichen Kanzel predigt, und davor ein Meer von Menschen, die selbstbewusst den Kopf heben.
Mit Spring will come haben wir nun den Frühling im Herbst und das
gefühlte tausend Mal wiederholte „The sun“ legt die Nerven blank. Nicht, dass sich unser Stern davon bemüßigt fühlen würde,
kräftig zu leuchten – aber er könnte es wohl. Dem Song ist es zuzutrauen, mit seiner Vehemenz selbst die Nacht zum Schimmern zu bringen.
Völlig hinter den Text zurück tritt die musikalische Gestaltung in Alabamba, es ist ein leises Lied,
das keinen Schnickschnack braucht.
Die drei Akustik-Versionen schließlich wecken Erinnerungen an ebensolche Konzerte.
Ein Verweilen ganz im Hier und Jetzt, eine Stimme, die zu fest ist, um wahr zu sein – nicht das kleinste Zittern oder Beben, dazu Maestro Horn am Piano, sparsam und reich zugleich.
Neben der Musik liefert das Album übrigens noch eine Fülle an Fotos mit, die sich inhaltlich und gestalterisch sehr eng an den Aussagen der Songs anlehnen,
auch hier findet sich also eine Einheit, die mit wenigen Strichen in wenigen Farben ein mehrdimensionales Bild zu zeichnen weiß.
Im Booklet sind alle Songtexte enthalten, aber sie sprengen die übliche Ordnung:
Sie sind genauso zerrissen wie wir selbst es an manchen Tagen sind.
Falls das ein Fehldruck sein sollte, fügt er sich sehr gut in das Gesamtkonzept ein.
Die CD (eigentlich zwei) ermöglicht es gleichzeitig, in sich zu gehen und auf die Welt hinaus zu blicken.
Sie lässt pure Gegensätze sich langsam annähernden und schließlich zu vertrauten Liebenden werden.
Sie rührt an und auf. Sie ist politisch und gesellschaftskritisch in einem nie gekannten Maß und
bringt sich damit in ganz aktuelle Diskurse ein. Sie ist nicht das Luftschloss zweier
Alternativer, die ein bisschen Kunst machen wollten, sondern sie trifft den Puls der Zeit,
rot und heiß. Sie ist ein Meisterwerk. Sie ist vollendet in Ton, Text und Gesang und dabei sehr erwachsen.
Sie vermittelt den Eindruck, dass die Zeit reif gewesen ist, um gehört zu werden. Und nicht zuletzt:
Sie ist mein Freund (older...wiser...), der mich mit hohlen Phrasen verschont, mich tröstend umarmt und sagt: "Es ist nicht alles gut,
aber es IST, das genügt. Alles weitere liegt in dir selbst verborgen."
Anspieltipps:
Gone
Blue heart
Six o'clock
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