Rezension: Was bisher geschah - Eine kleine Weltgeschichte von Loel Zwecker (09/10)



Nicht möglich, mag man sich skeptisch denken, wenn man dieses Buch zur Hand nimmt. Fünftausend Jahre Geschichte auf knapp vierhundert Seiten? Geht nicht, gibt selbst der Autor im Vorwort zu, jedenfalls nicht umfassend und vollständig. Die Auswahl an Themen und Schwerpunkten, die Zwecker vornimmt, ist jedoch gut gewählt und in sich schlüssig. Er steigt schon unkonventionell ein und berichtet von einer nicht repräsentativen Umfrage im Bekanntenkreis, nach der er in Erfahrung bringen wollte, in welchem Moment Menschen sich jemals als Teil der Geschichte gefühlt haben. Und genauso unkonventionell geht es weiter, denn hier wird die Menschheits- und Weltgeschichte in einen unterhaltsamen und kurzweiligen Fließtext gesteckt, der sich eher wie ein Roman als wie ein Sachbuch liest. Zwecker behält zwar eine chronologische Ordnung in fünfzehn stichwortartig betitelten Kapiteln bei, nimmt uns jedoch mit auf eine Reise, die bis zum Schluss mitreißt. Nicht nur, weil immer wieder Verknüpfungen und Zusammenhänge zwischen den Zeiten, den Kulturen und den Entwicklungen hergestellt werden, sondern vor allem auch, weil die Betrachtungsweise variiert. Neben geschichtlichen Fakten und den obligatorischen Jahreszahlen finden sich auch Anekdoten, eher unbekannte Feinheiten und humorvoll präsentiertes Wissen, das nicht nur die Geschehnisse an sich auflistet, sondern geschickt mit zahlreichen Informationen über verschiedene Religionen, ökonomische Theorien, Bezüge zu wichtigen Persönlichkeiten und allerlei weiteren interessante Erklärungen verknüpft. Damit wird dieses „unvollständige“ weil schwerpunktartige Werk zu einem Spaziergang durch alle Kontinente und zu einem Vermittler zwischen Gestern, Heute und Morgen.

Und Zwecker bietet noch mehr Bezüge und Verknüpfungen: Nicht nur, dass er Vergangenes und Aktuelles zu verbinden und zwischen den Epochen eine gedankliche Einheit herzustellen vermag, er stattet seine Lehrreise auch mit zahlreichen Hinweisen auf Kinofilme, berühmten Gemälden, Fotografien und Zeichnungen aus, die das Visualisieren zusätzlich erleichtern. Weil er auch Konsequenzen bestimmter Denkmuster und Handlungsweisen zu der jeweils gerade behandelten Zeit sowohl mit ihren Ursachen als auch ihren Folgen ins Verhältnis setzt, bleibt kein „Warum“ offen. Übersprudelnde Fülle, die kein bisschen langatmig daherkommt. „Was bisher geschah“ kann von dem Geschichte-Leistungskurs-Trauma heilen, das schlechte Lehrer einst verursacht haben.

Gegen dieses alles andere als hochwissenschaftliche Sachbuch nehmen sich die szenisch dargestellten Dokumentationen, die als Endlosschleifen via TV deutsche Wohnzimmer heimsuchen, als ziemlich dröge Laienspiele aus. Zu dem guten Verständnis trägt vor allem auch die abwechslungsreiche, zuweilen sehr lockere und witzige Sprache bei. So wird Johann Sebastian Bach etwa zum „Barockstar“ und Voltaire ein „kränklicher Held, der sich mit Kaffee aufputscht“.

Zwecker nutzt den Präsens, erklärt Fachwörter, übersetzt fremde Begriffe und setzt Schlagwörter in Klammern hinter die im Text erläuterten Fakten. Auch innerhalb der Kapitel behält er eine klare Struktur bei. Sogar einzelne Absätze werden thematisch miteinander ins Verhältnis gesetzt, wodurch sich ein angenehmer Lesefluss ergibt. Zahlreiche Zitate oder Verweise auf zeitgenössische literarische Texte verleihen der „Geschichte“ ihren letzten Schliff. Die Historie selbst ist freilich ein trauriges Schauspiel und die Gegenwart nicht minder, doch auch hier nimmt Zwecker kein Blatt vor den Mund und nennt handfeste Gründe für Probleme, mit denen die Menschheit sich damals wie heute herumschlägt. So geht mit der Lektüre gelegentlich ein überraschtes „Aha!“ oder „Ach soooo!“ einher, das die Erweiterung des eigenen Horizonts markiert. Und auch das Banale lockt: Denn wer weiß schon, dass die Athener Frauen dreimal pro Monat die ehelichen Pflichten von ihren Männern einfordern konnten und die Maya eine Göttin des Suizids anbeteten?

„Was bisher geschah“ ist ein großartiges kleines Meisterwerk von einem Doktor der Kunst und Politik. Diese beiden Herzensthemen erhalten im Text in der Tat außerordentliches Gewicht, doch ist es für Soziologen erfreulich, dass auch die Gesellschaftswissenschaft immer wieder zu Wort kommt, nicht zuletzt, um auch Blicke aus der Distanz zu ermöglichen. Im Übrigen ist selbst der Raum, der den einzelnen Epochen zugestanden wird, gut gewählt. Wie in einer wirklich guten Fiktion passt sich die Schreibe dem Inhalt an: Während die Jäger und Sammler noch gelassen auf vielen Seiten ihrem Tagwerk nachgehen können, verdichtet sich das Geschehen nach der Industrialisierung rasant. Zwecker stellt mit seiner Schwerpunktsetzung und der Wahl der Ausführlichkeit das Tempo der Moderne auch gestalterisch und sprachlich dar. Die Frage nach den eigentlichen Werten und ein nicht eben gewöhnlicher Lösungsvorschlag für die unzähligen Dilemmata, welche die Ergebnisse unseres vielgelobten aber längst zweifelhaften Fortschritts sind, sorgt für ein Ende, das nachwirkt. Denn obwohl Zwecker eine objektive Erzählweise zu nutzen scheint, steckt zwischen den Zeilen eine durchaus kritische Betrachtung. Ein sauberer Rundumschlag, der auf den Punkt bringt und dabei nicht lange um den heißen Brei herumredet.

„Es gibt viel zu entdecken“, wirbt der Werbetext auf dem Einband. Tatsächlich ist hier mal keine Übertreibung Programm – vielleicht, weil das Buch sogar die Funktionsmechanismen guter (und schlechter) Propaganda anhand verschiedener Beispiele vermittelt? Charmant und spritzig geschrieben, ein ganzes Universum an Einzelheiten und Fakten, dabei in sich geschlossen und stimmig. Freilich ist es als fundiertes Nachschlagewerk ungeeignet, einem zwölfbändigen Lexikon kann es wohl nicht das Wasser reichen. Aber diesen Anspruch hat das Buch auch nicht – und es ist garantiert viel schöner zu lesen, als jedes schnarchnasige Lehrbuch oder Lexikon!
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